Supermarktkrise mit Filmkritik (M*A*S*H)

Heute plagt mich eine fürchterliche Denkblokade, so als wäre mein ganzer Kopf gänzlich ausgehöhlt und von den wenigen verbliebenen Nervenzellen sprießen rudimentäre vegetative Nervenbahnen, die mein Überleben gewährleisten. Ich fühle mich leer, hohl und taub, so als hätte man mich von sämtlichen äußeren Reizen losgelöst, ein latenter Schwebezustand meiner Wahrnehmung. Ich will keine diagnostischen Urteile fällen, aber ich vermute, dass es etwas mit meinem Schwindel und dem Druck im meinem Kopf zu tun hat, an dem ich seit wenigen Tagen leide. Meine gesamte Wahrnehmung ist nämlich auf eine Weise anders, die an leichte Beschwipstheit erinnert. Der Druck in der Gesichtspartie verschlimmert das Ganze, ist er doch auch möglicherweise die Ursache der Verspannungen in meinem Nacken. Ich hebe schon seit geraumer Zeit den Verdacht, dass mein Nacken ein äußerst labiles Gebilde aus schwachen dünnen Stützmuskeln, verkümmerten faszialen Sehnen und überspannten Bandscheiben ist, das an einem Fixpunkt, wie dem Atlaswirbel zu einer zentralnervösen und sensomotorischen Beeinträchtigung führt, das sich in Schwindelanfällen, Schmerzen in diversen Kopf- bzw. Gesichtsregionen, leichter auch durch Angst verursachter Übelkeit, Kribbeln der Haut- und Muskelpartien und der Überempfindlichkeit gegenüber hellem Licht sowie kognitiven Reiz- und Informationsverarbeitungsstörungen der Form von Gedächtnisproblemen, Wahrnehmungsstörungen (Tunnelblick), Schwierigkeiten im logischen Denken sowie in Artikulation äußert. Oder ich suche schlichtweg in banalen Diagnosen nach Erklärungen für ein so komplexeres Problem. Gestern stand ich im Supermarkt an der Kasse, ich war zweiter vor dem Abkassiertwerden und wäre um ein Haar einfach weggelaufen; ich hätte also meine zwei Sachen, Toilettenpapier – wofür ich extra zum Supermarkt gelaufen war, weil die letzte Papprolle nur noch eine weiße Fahne hatte und ich in dieser Wohngemeinschaft für die Verbrauchsmaterialien zuständig bin, für die ich von jedem Mitbewohner Anfang des Monats 5€ bekomme – und Bananen, für einen größeren Einkauf hatte ich zu dem Zeitpunkt bereits keine Nerven mehr gehabt, also ich hätte die Sachen einfach vom Band genommen und wäre in den hinteren Abteil gegangen, wenn ich noch Zeit hätte und hätte die Sachen dort irgendwo abgestellt und mich unauffällig an irgendetwas in der Art angelehnt, die mich die anschwellende Kriese auszubaden nicht verrückt hätte aussehen lassen und um keine Aufmerksamkeit zu erwecken, sodass ein übereifriger Angestellter auf die Idee käme, den Notarzt zu benachrichtigen; also da wäre ich wahrscheinlich aufgesprungen, hätte nach einem leeren Karton gegriffen und wäre mit selbigem auf dem Kopf aus dem Laden gerannt, um zu vermeiden, bei späteren Einkäufen erkannt zu werden. Also die Art von Vorfall nervöser selbsterfüllender Prophezeiungen, wie der Begriff im psychosomatischem Therapiespektrum verwendet wird, war der 1. seit meinem Einzug nach Potsdam und der 1. seit mindestens 5 Monaten. Solche Schwindelattacken und Wahrnehmungsstörungen sind eine verdammt beunruhigende Angelegenheit. Das ist so, also ob du gerade unterwegs bist und plötzlich deine Beine weich werden und weich bleiben und du weißt einfach nicht wieso sie weich sind. Dazu kommt noch mein nervöser Darm. Er reagiert sehr empfindlich auf angstauslösende Faktoren. Dann muss ich irgendwo eine Toilette finden, egal ob ich Scheißen muss oder nicht. Am Samstag war ich ganze 3 Mal auf dem Pot deswegen! Und Sonntag immerhin nur 1 Mal. Vorhin hat er sich auch wieder gemeldet, aber ich schiebe es diesmal auf den Kaffee. Ich habe gestern ein intensives Nacken- und Schultertraining mit eingeschobenem Beintraining absolviert. Ich glaube, dass es mir heute deshalb etwas besser geht, war die Nacht doch von einer leichten Schwere begleitet – und einen leichten Schweißfilm habe ich auch gehabt. Das kann auch an der Belastung des ZNS liegen, da ich selten sportlich aktiv bin. Beim Bewegen meines Kopfes merke ich die Auswirkungen auf das labile Gebilde in Form von geringfügigen bis mittleren Schwindelschüben, die kurze Zeit danach wieder abklingen, doch generell begleitet mich in der aufrechten Position ein diffuser Schwindel, eine fortwährende Stumpfheit meiner Wahrnehmung, meines Blickfeldes. Versuch im Winter, wenn du lange genug draußen gewesen bist und plötzlich in ein Gebäude hineingehst, zu sprechen. Du merkst, dass deine Lippen deinem gewöhnlichen Sprechtempo nicht nachkommen, sie bewegen sich verlangsamt, wie in Zeitlupe, zäh und grob: so ergeht es meiener visuellen Sinneswahrnehmung.

Wir haben heute den wärmsten Tag im Jahr mit fantastischen 21° und ich habe den ganzen Tag im Zimmer verbracht. wie beinahe jeden Tag. Aber wohin soll ich schon auch gehen? Lesen und Schreiben kann ich auch hier in aller Ruhe. Draußen kenne ich niemanden und Smalltalk und Gespräche interessieren mich nicht die Bohne gerade.
Heute habe ich den Film M*A*S*H geschaut. Das ist eine satirische Komödie über ein mobiles Kriegslazarett in der Nähe der Kriegsereignisse in Korea. Die Dialoge sind oft dermaßen überlappt, dass sie Verwirrung stiften und perplex machen. Es geht um Sex, Ungehorsam, Alkohol, Gott und die Angst seine Männlichkeit zu verlieren. Besonders deutlich ist der Sexismus zu der Zeit im Militär. Die Vorgesetzten werden ausgetrickst, angelogen und Opfer verschiedener Ausschweifungen ihrer Untertanen. Der Schauplatz ist ein Lazarett, in dem die Protagonisten ihren Humor mit viel Blut und narzisstischem Gerede ausbreiten. Jeder Arzt bzw. Chirurg hält sich natürlich für den Besten auf seinem Gebiet und so strotzen die Dialoge vor sexuellen Anspielungen und Angeberei. Ein Runing-Gag, ein komödiantischer roter Faden, sind die fortlaufenden die Handlung durchbrechenden Durchsagen eines Soldaten, der nicht gerade ein helles Köpfchen ist und die ihm diktierten Texte oft nicht sinngemäß überbringen kann, weil er Begriffe vertauscht, sich im Sinne – und das ist nur eine Vermutung – Freud’scher Versprechen verhaspelt, oder aus der Unfähigkeit heraus, manchen Satz vollständig auszusprechen, sie weglässt oder revidiert. Meine persönliches Interesse gilt jener Stelle, in der Captain Painless Pole seinem Freund Captain Hawkeye gesteht, dass es aus um ihn ist, weil er glaubt, homosexuell zu sein, weil er es nicht fertigbrachte, seine Frau mit einer anderen zu betrügen. Das komische daran ist, dass er behauptet, sich darüber informiert zu haben, woraus er seine Gewissheit zieht. Außerdem ist er der Auffassung, dass es irgendwann so kommen müsste und das Leben wäre für ihn aus, er müsse den Freitod wählen. In der Szene liegt die Ironie der Angst vor der Homosexualität im Militär einerseits und der dauernden sexuellen Anspannung unter den Soldaten andererseits, die, um ihren Druck abzubauen, sich jeder möglichen Frau anbiedern, bei denen sie dann letztendlich – möglicherweise aus Gründen des Gewissens – scheitern. Aus gekränkter Eitelkeit seiner Männlichkeit wählt er den inszenierten Freitod durch die schwarze Pille, die ihn entgegen seiner Erwartungen nicht tötet, sondern ohnmächtig macht, weil Hawkeye eine Frau dazu benutzen möchte, Captain Painless Pole durch eine gewisse Dienstleistung aus seiner selbsterfüllenden Prophezeiung zu befreien. Die einzigen, die sexuell ungezwungen zum Zuge kommen, sind Major Frank und Major Hot Lips, die nach außen die Etikette, den militärischen Codex und die Richtlinien präzise auslegen, unter der Oberfläche jedoch ihren sexuellen Bedürfnissen genauso erlegen, wie alle anderen, die dieses Techtelmechtel ausnutzen und sie vor der gesamten Station durch ein verstecktes Mikrofon bloßstellen. Es ist schwer vorzustellen, dass solche Einheiten die Interessen der Vereinigten Staaten vertreten und verteidigt hatten, aber bei näherer Betrachtung und der Auseinandersetzung mit dem Thema kommt man doch zu dem Schluss, dass das Militär zu jeder nicht aktiven Zeit im Krisengebiet aus einem infantilen Konglomerat aus naiven, hitzköpfigen und arroganten Menschen besteht, die sich dauernd in Konflikten messen und beweisen müssen – ganz wie zwei kleine Jungs; großspurig und trotzig. Der Film verwirft sein Potential und degeneriert zu einer seichten Komödie, die vor dem Kriegshintergrund mit stumpfen Dialogen und kurzen Pointen aufwartet.

Nachtkälte Teil Eins

Der Morgen danach war weniger grauenvoll, als ich es erwartet hatte. Maria stand auf, richtete ihren Slip und ging ohne etwas zu sagen, aber das machte nichts, Ricardo lag neben mir. Maria hatte eine indische Blume über dem neckischen Grübchen an den Lenden tätowiert. Im Grunde war ich der Einzige ohne Tattoo; ob am Finger, Bein oder Nacken, es war Teil ihres Lebensgefühls, eine Stilisierung.

Über dem Bett war ein Lebensbaum auf die raue Tapete gemalt, die vom schwülen Wetter jedoch wellig und verbeult war, was dann auch passte. Ricardo lag mit dem Rücken zu mir und tastete im Halbschlaf nach hinten und als er sich vergriff, nahm ich behutsam seine Hand und legte sie ihm auf die Hüfte, dann strich ich ihm die schwarzen Strähnen vom Gesicht und prüfte, ob er nicht doch wach war. Ich streifte die dünne Decke ab und ging zum Waschbecken, in das meine Hände gerade noch so hineinpassten, es war eine Art emaillierte quadratische Schüssel in einem hölzernen Gestell eingelassen – und ich muss anmerken, dass ich keineswegs große Hände habe.

Du fragst dich vielleicht, ob ich bisexuell bin?

Das kann ich dir nicht beantworten, aber wen interessiert das schon, außer die autoridades? Ricardo hatte sich die Nacht oft bewegt, sein Schlaf war fiebrig, seitdem die Unruhen begonnen haben. Nachts hatten die meisten hier Angst vor den Inviolable – wie die Banden genannt wurden, die völlige Immunität genossen –, ihren 125ern und den modifizierten Rollern, auf denen sie die Straßen nord- und südwärts entlangstotterten und Schlägereien anzettelten, für die du dann in der Arrestzelle landest. So zwangen sie uns, vorsichtiger und unauffälliger zu leben.

Maria saß draußen mit Yoana und Felipe, sie teilten den Tabak für die Fahrt in kleine Beutel mit Zip-Verschluss auf und packten sie dann zusammen mit der Elektronik in wasserfeste Taschen. Es sollte nachher noch einmal regnen und dann trocken bleiben – das freute mich, weil ich die Wäsche dann nicht mehr so oft waschen musste; ich war das Klima nämlich noch nicht einmal nach dieser Zeit gewohnt.

Unseren ersten Zwischenstopp hatten wir bei einer kleinen Kochstube, wo wir für das Essen nichts bezahlen mussten, dafür aber mit dem Jeep zwei umgefallene Bäume vom Waldweg wegschleppen und um ein Haar wäre der Wagen in der Ablaufrinne stecken geblieben. Ich war schon einmal in so einer Situation, mit zwei Fußmatten und einem beherrschenden Vor- und Rückspiel an der Achse bekamen wir das Auto aus dem Schlamm.

Man schmeckt in der Küche den Chinesischen Einfluss aus der Zeit vor der Industrialisierung, als es hier viele Einwanderer aus Fernost gab. Zu trinken gab es Chicha, das ist eine Art Bier auf Maisbasis. Wir waren jetzt wieder auf dem Weg nach Norden, wo wir einen neuen Trafo für eine unabhängige Rundfunkanstalt installieren sollen. Nächstenliebe war hier stark von mit einem Handschlag besiegelten Geschäften abhängig. Vor allem für Europäer war es wieder gefährlicher geworden. Ich erinnerte mich wieder, dass gestern in der Bar ein blonder Mann – möglicherweise Pole – in der Nähe unseres Tisches in eine Diskussion mit Einheimischen verwickelt war oder in einen Streit, ich weiß es nicht mehr genau, wir hatten Pisco getrunken und freche Lieder gesungen, bis man uns gebeten hatte, nachhause zu gehen. Felipe sagte, er läge jetzt im Krankenhaus. Anscheinend hätten ihn die Inviolable nach Mitternacht aufgerieben – er hätte nicht so lange rausgehen dürfen, sagte er. Das kann doch nicht so weitergehen, hatte ich daraufhin erwidert, aber er schaute einfach weg, starrte einen imaginären Punkt weit vor seinem Gesicht an und sagte: Es ist nicht deine Sache.

Yoana ließ die Beine von der Ladefläche baumeln, sie sang und summte ein Lied, das mir bekannt vorkam und ihre blonden Haare tanzten im Fahrtwind. Erst jetzt erkannte ich die Narbe auf ihrem Rücken, der wie der Rest des Körpers von einer makellosen olivbraunen Farbe war.

Wir kamen nur schleppend voran, weil es die letzten zehn Tage so oft geregnet hatte, dass die Hänge durchgeweicht, die Pässe und Straßen unterspült und unpassierbar geworden waren, aber dank Ricardo kamen wir auch hier durch, der nicht nur versteckte, kaum erschlossene Verbindungswege kannte, sondern auch Abkürzungen und am wichtigsten die Betriebstiefe des Jeeps abschätzen konnte, was es fast zu einem Amphibienfahrzeug machte.

Nur einmal musste ich aussteigen und die Tiefe anhand meines Körpers messen und indem ich den Pass einmal durchquert hatte, hatten wir die Gewissheit, dass uns bei der Überquerung keine böse Überraschung erwartete.

Noch war ich nicht wirklich richtig wach, aber auch nicht sonderlich müde. Mir fehlte der italienische Kaffee, denn von der schwarzen Brühe hier bekam ich oft eine ungewollte Entschlackung und eine Zitterpartie, die mich zum besten Shékere-Spieler in ganz Peru machen würde, hätte man mir welche an die Hände gebunden.

Wir fuhren zum Estabian. Er betrieb im Norden einen Gebrauchtwarenladen für Haushaltselektornik. Die meisten Artikel, die er vertrieb, stammten aus Europa und hatten mehr Hände durchlaufen, als an jeder Finger dran waren. Auf meinen Vorschlag hin, mir den Wagen später mal genauer anzuschauen, weil die Federn unheimlich quietschen und wir bei jedem Schlagloch schwindelerregend wippten, hatte Ricardo nicht reagiert, ich vermutete aber, dass er es einfach ignoriere.

Aus dem Radio plärrte blechern Nationalmusik, des Volkes Stimme. Maria beugte sich nach vorne und ich konnte ihr in den Ausschnitt blicken; es gab Zeiten, da hätte sie mich dafür gehauen, aber sie lächelte nur keck und wollte das Radio ausstellen, wobei sie den Knopf abriss – wir lachten alle, obwohl die Musik schrecklich war. Dann gab sie mir einen Kuss auf die Wange und verschwand wieder.

Im Grunde war ich froh, das dunkelgrüne Muskel-Shirt angezogen zu haben, denn die Mittagssonne hing wieder erbarmungslos hinter einem diesigen Schleier aus verwischten Zirruswolken und überall dampfte das Regenwasser.

Der Alles-ist-Zyklus 2: Aufwachen

Ich lag alleine am Schwefelrand einer schwarzen Baumruine. Zitternd krächzten seine von beißend sauren Böen verkrüppelten Äste, dass einem der Mundraum faulte und ein pechschwarzes Gebälk aus totem Fleisch hinterließ, aus dem sich sturzbachartig Eiter und Galle in meine Hände ergossen. Ich fühlte den Tod in mir, als wäre er mit der Atemluft gekommen und so war es auch, Atmen war eine Entsagung – ich will nicht, ich will nicht leben. Ich lag gebettet in Staub und Asche und spürte das kostmische Grauen nach meinem Herzen greifen. Der einstige warme Mutterboden, blass und wund, riss unter mir entzwei und offenbarte seinen zyklopisch geschändeten Grottenschlund, in den ich unsagbar tief hinabstürzte, bis der stinkende Schlitz zu einem dimensionslosen Punkt kollabierte und mich unter gammelder Fäulnis begrub.

Der Alles-ist-Zyklus 1: Schlafen

Wir lagen am Schattenrand eines ausgewachsenen Achornbaums. Ein Lichtteppich aus Goldmünzen funkelte herab, schmückte unsre Gesichter. Diese majestätischen Lebewesen säumten in andächtiger Entfernung das gesamte Feld; große Bäume, deren Kronen sich in der Brise leise Hallo sagten. Ich fühlte das Leben in mir, als wäre es mit der Atemluft gekommen und so war es auch, Atmen war ein Impuls, ein Gelübte ans Leben, das mit jedem Atemzug erneuert wurde – ja ich will, ich will leben. Warme Lichtstrahlen drangen durch mein Lid, wenn ich die Augen schloß und erfüllte mich mit lebendigen Farben. Der Boden in dem wir eingebettet lagen; der warme Schoß der Natur. Mutterbauch. Ich spürte den melancholischen Bass in meinem Brustkorb, wenn wir uns so nah waren. Und manchmal war er sich unserer Nähe bewusst; denn ein einzelnes Blatt, wenn es sich losgelöst seinen Weg zu uns bahnte und uns berührte, deutete auf uns; von ewiggrüner Baumkrone beim zaghaften Rascheln befreit, wenn die von Grasblumenduft erfüllte Mailuft wieder erwachte und Äste streichelte, dann waren wir längst Kopf an Kopf, Hand an Hand eingeschlafen – mit dem Blatt zwischen uns.

Faule Äpfel

In einem Dostojewskiroman entsteht zwischen zwei Bauern eine Diskussion über Kunst: was ist wertvoller, ein echter Apfel oder ein gemalter? Der eine Bauer argumentiert, dass spätestens beim Hunger der echte Apfel mehr Wert hätte.

Nun, das war zur Zeit Dostojewskis. Der akkurate moderne Stadtmensch liegt in seiner Galerie verhungert vor dem fenstergroßen Einzeldruck einer leeren Leinwand mit der Bildunterschrift: Postmoderne Idee eines Apfels.

Das ist das Bild eines hysterischen Stadtmenschen, der morgens als Erstes ’notifications‘ auf dem Smartphone überprüft, bevor er sein Bett verlässt und sich im Spiegel betrachtet, der unsicher bei der Schuhwahl, welche seiner Gemütsverfassung entsprechen, sich für den Kauf neuer entscheidet, der sich unbewusst an die Hosentasche fasst, selbst wenn kein Gerät in ihr steckt, der unterwegs immer einen anderen Kaffee trinkt als alle anderen, z.B. den aromatisierten Mocca-Latte mit Himbeersirup und glutenfreien Weizencrispys, Transfette und Lactate meidet, weil’s in Hochglanzmagazinen steht, Produkte nur auf Augenhöhe kauft, Plastik lieber in Platin- oder Goldkarten sammelt, Fotos vom Handgelenk am Steuer in seine Social-Medias ‚lädt – mit 18 synonymen Hashtags des Wortes #lifestyle -, dessen Arbeitgeber eine Drehtür mit zwei Initialen besitzt und der in der Mittagspause Musik von iTunes auf einer Le Corbusier-Couch hört, oder auf der Toilette Werbekataloge fürs Foyer durchblättert; ein Stadtmensch, der seine Schritte bis hierhin getrackt, ausgewertet und sich dafür ein Sternchen gegeben hat, Feldsalat mit Quiche und Chiasmen isst, den Reifendruck seiner 20″-Reifen nicht kennt, dafür die Länge seiner Kühlerfigur, Bräune von 5 verschiedenen Stränden hat, der Absolutionsscheine bei ‚Aktion Mensch‘ & ‚WWF‘ kauft und sich im Fitnessstudio vor dem Spiegel auf die Schulter klopft, und der alten Dame keinen Sitz anbietet, wenn er ‚mal beim Amt sitzt, weil die Ray-Ban Lichtschutzfaktor 1000 hat und ‚faith devides us – death unites us‘ von Paradise Lost in die Ohren trällert.