Twitch +

Du kannst sie heute abend flachlegen, munterte ihr Vio zu. Sira hat sich für eine Weile bei Violetta ins Exil geflüchtet, weil es zuhause ein Tohuwabohu gab. Vati und Mutti waren nämlich auf einer Sightseeingtour unterwegs, mutmaßlich, doch platzten beide unvermittelt in Siras keines Zimmerchen, als sie viehische Geräusche vernahmen. Als die Tür aufschwang, bot sich den kreuzesfürchtigen Eltern ein grotesk-amüsantes Bild, denn die liebe und auf dem Boden kauernde Tochter wurde in einer Pose ertappt, die man dann doch als Experimentalphysik bezeichnen könnte. Die ebenfalls verdutzte Sira erlitt dabei einen dermaßen heftigen Schreck, dass der bis zum Anschlag verschwundene Penetrator als Projektil aus dem Past anterior herausschoß und das vor dem Bettende aufzeichnende Laptop knirschend am Displeay traf, wodurch die nervengeschwächte Mutti kalkweiß anlief und dem scharlachrot gewordenen Vati in die Arme fiel. Sekundenbruchteile später stand Sira mit militärischer Steife und mit Bettlacken und Kissen bewaffnet vor ihren Eltern. Was stimmt nicht mit dir?! Überschlug sich dabei Vatis Stimme in schrägen Oktaven, als er die ohnmächtige Mutti hastig herausschleifte und die Tür mit der Hacke zargenberstend hinter sich zuschmiss.

Romanscherben: Alex’s persönliche Akkreditierung

Lyn hielt die Türklingel einen Augenblick lang gedrückt, ehe er losließ; ein knopfgroßer abgenutzter Schalter inmitten eines aufgerissenen Löwenschlunds eingelassen. Dann trat er auf die vorletzte Stufe zurück, gab sich mehr Raum und atmete tief durch. Schweres Glockenbimbam drang in die Dämmerung hinaus. Er fröstelte. Vordachträger sowie Löwe aus poliertem Messing, fast schwarz. Seinen Schuhdreck wische er, ohne hinabzusehen, nochmal am patinagrünen Treppenläufer ab, als die Tür aufschwang und André, der Hausdiener, im feinsten habit de cérémonie einen Willkommensaperitif in Sektgläsern anbot. Lyn tat wie ihm geheißen, trat ein und nahm gleich zwei Gläser vom Silbertablett, das eine leerte er im Foyer und stellte es sogleich wieder aufs Tablett, »zum Wohl, Monsieur Störmer.«
Das Licht im Foyer hatte etwas Bernsteinartiges. Über der lackierten Kirschbaumbank hing ein Gemälde, dessen Kantenlänge die der negativen Diagonale der Tür entsprach, vielleicht etwas Klassizistisches. Mittendrinn auf einem rindenbraunen Perser mit schwarzen Ornamenten stand ein runder Glastisch mit Blumen, das Tischgestell, entsprechend dem gehobenen Cozy-Country-Style des Foyers, als kleine Baumplastik. Er legte seinen Jackentascheninhalt neben das Bukett aus Calabi-Yau-Rosen, um die Jacke Natalia in die Hände zu drücken. Der Boden, ein Mosaik aus großen gebrochenen Platten der Art Riverstone Tundra, passend zum rustikalen Ensemble, im schmutzigen Cremeton. Ein opulentes Streichquartett oszillierte träumend durch die Luft. Vom Fußboden erstreckten sich hohe Wände aus geschichteten naturbelassenen Steinen, die an Burgfestungen erinnerten und endeten an einer Holzdecke mit tief herabgelassenen Längstbalken, die scharfkantig den Weg zum großen Saal deuteten.
Lyn flüchtete unbemerkt Richtung Salatbar. Noch waren Tom, Emma und Vio auf dem Hinweg, was ihn zum Vorgirff aufs Buffett nötigte, um nicht in belangslose Gespärche verwickelt zu werden, nach dem Motto: nur unverschämte sprechen einen beim Essen noch an. Doch warf er bekannten Gesichtern hier und da ein Höflichkeits-Hallo-Nicken zu, damit wars die Sache auch schon. Die Party schien im vollen Gange zu sein, vielschichtiges Geplauder prickelte in der Luft und alle schien zufrieden. Aber er konnte Lex nicht finden. Kauend gucke er durch den großen Saal. Frau Dorsch war auch da. Ihr Makeup war großzügig aufgespachtelt, wie Acrylfarbe. Am liebsten würde er ihr mit der freien Hand durchs Gesicht fahren und ein weiniger abstraktes Bild hinterlassen, doch sie war zu weit weg, um auch nur annähernd das Ausmaß ihrer Oberflächenversiegelung zu inspizieren.
Er nahm noch einen Happen und drehte als treuer Trabant langsam seine Runden um die turmähnliche Salat- und Vorspeisebar, die im Saal so ziemlich mittig angeordnet war. Alle 20 Minuten schloss André seine icosianische Route und bot ihm wieder einen Aperitif an, das er nicht ablehnte und weiter den fließenden aber autoritativen Handbewegungen Lex’s Vaters, Hermann Lootz, folgte, der vom rhythmischen Kopfnicken umgeben, eine kleine Ansprache auf die stolze Linie des Hauses hielt – Ururgroßvater Hilbert, ein in Stein gemeißelter Pionier seines Fachs, legte den traditionellen Grundstein für die fortwährende akademische Doktorandenlaufbahn, die nun – nach Abschluss der höheren Universität – auch jene Lex‘ einläuten würde. Auch wenn Lex es nicht zugeben wollte, ein wenig peinlich war das ganze Protzen schon. Dann sah Lyn ihn endlich im hinteren an den Wintergarten angrenzenden Teil des Saals herumlaufen und Gäste hurtig im Vorbeiflug mit wohl überlegten und oberflächlichen Floskeln bedienen, bis Hermann mit einer augmentierenden Armbewegung den Raum zwischen ihnen verkleinerte und ihn in seine verba honorifica einschloss – was so ziemlich im ganzen Raum zu hören war. »Alter, du musst mich retten«, hörte ihn Lyn im Semiflüsterton, als er vorbeieilte. »Vergiss es. Da musst du jetzt durch!«, rief er hinterher.
»Schäm dich!«, erschrocken fuhr Lyn um und blickte in sechs düpierte Gesichter.
»Typisch. Du wartest nicht einmal auf uns.« sagte Emma in gespielter Trotzigkeit.
»Mia hat mich gefahren und hier abgesetzt. Wo wart ihr so lange?«, fragte er weniger interessiert, als er zum Ausdruck gab.
»Du kennst doch noch die Rosalia, die Irre aus dem Büdchen, unten beim Schimanskys -«, »Ja«, unterbrach ihn Lyn. »Also, ich war da noch Bier holen, fünf Flaschen, für jeden eine, ich wusste ja, dass es hier nur Champagner mit Goldlametta und Kaviar gibt. Naja, jedenfalls schüttet die Alte ihren Kaffeebecher über meine Hose.« Lyn musste so laut auflachen, dass die Geräuschkulisse im Saal eine Parabel beschrieb. »Und das nur deshalb, weil die kleinen Janis-Brüder dort wieder den Laden verwüstet hatten und als ich reinkam, war alles schon vorbei, aber die Schrulle dachte, ich gehöre zu denen und hätte lediglich was vergessen.«
»Geschieht dir recht. Ich musste gefühlt dem halben Parlament zunicken, ich wette, ich habe später ’ne Zerrung am Hals. Kaufst Bier und bietest mir keins an.«
»Wo hier? Ich hab’s an der Garage abgestellt.«
»Du hättest es auch André in die Hand drücken können, er ist total handzahm.«
»Zeig mir diesen A-n-d-r-é, von dem du sprichst«, sagte Tom gespielt tuntig.

Lightblader

An der Rückwand stand ein hüfthoher klavierschwarzlackierter Kühlschrank, mit einer durchsichtigen Doppelglastür, die einen Blick auf den Stapel als Energydrinkdosen boten, ihre aluminiumsilberne Deckel zeigten zur Glastür, auf der ein Pferd im Anmut des Steigens gefangen, zur neongrünen Bildmarke depretiiert wurde. An der gleichen Wand über dem Vorrat zucker- und koffeinhaltiger Getränke hingen drei verschiedene Poster bekannter martialischer und heroischer Animefilme wie Shakan Dojo oder Cradle Of Filji, die in bunten Farbexplosionen mit dicken serifenlosen Überschriften und diversen Effekten zum gemeinsamen Schwindel einluden.
Mit einem übergroßen Headset auf dem Kopf von der Umwelt abgeschnitten, hackte Peti wild auf die Tasten.
»Jede Runde werde ich von diesem BlekNibba gekillt – was ist das für ein Name!«
»Ich kenn‘ das: einmal am Tag habe ich so ’nen Endgegner, du kannst machen was du willst, e’fickt dich immer, das’s wie ’ne Illuminatischeiße.«
»Wie low ist das denn bitte, sich selbst zu killen?«
»Blader?«
»Die Aktion war so low Alter.«
»Schon, aber was gibt’s schnelleres, als sich vor’n Zug zu werfen? So Erhängen dauert halt.«
»Ja, wenn du dich selbst killen willst; da fickst du glatt den Zugführer mit.«
»Richtig eklig.«
»Ja und die anderen erst. «
»Ja sorry, Train ist so low.«
»Wenn du vor son Zug springst, da kannst du schön deine Organe einsammeln, du platzt nämlich, wenn dich das Ding trifft, splash! Weiß ich aus erster Hand, mmh.«
»Klar, du bist es wieder Robin.«
»Wenn dus nicht glaubst, ich schick dir ‘n Link.«
» … «
»- er versucht, da irgendwelche Befehle reinzuforcen.«
» … «
»Er ist ständig am reinflamen, wenn er kassiert, scheiß homo.«
»Ich schwöre, ich habe so Paranoia, ich könnt‘n Disconnect bekommen.«
»Willst ‘ne Waffe?«
»Wir holen die Runde, wie sick ist das denn.«
»Der kleine Bastard, die wollen immer prehitten.«
»Er raged unnormal rein.«
»Ja mate true.«
»Alter was fürn Glück du hast!«
»Jungs, Jungs super. Wir ficken die!«
»Ich schiebe.«
»Mitte raus.«
»Ruhe bitte!«
» … «
Gelächter.
»Ich muss einfach da reinficken!«
»Ich kann seine Lache enjoyen.«
»Bleib mal dev!«
» … «
»Ich bin on the gear boys.«
»Du bisch einfach super brutal.«
»Der Robi.«
»GG guys, bin raus.«
»GG, hauste.«
»Haut rein.«
»Jo.«

Wunder

Alles tut weh, wenn es nicht gerade Freude bereitet. Jeder Impuls in dir, der – legen wir kurz fest, dass du über einen außerordentlich facettierten, emotionalen Spiegel verfügst, wenn auch, im Sinne einer Ablation, nicht ganz integer, und Stumpfsinn zur Beschreibung deines Wesens akkurater wäre, als von Reichtum zu sprechen – Atemluft verbraucht, ist ein Ankämpfen gegen Widerstände, um dich herum, in dir. Irgendwann war es soweit und du warst plötzlich auf der Welt und nichts Anderes wolltest du, als wieder in den warmen Mutterbauch zu klettern, aus dem du gewaltsam gestohlen wurdest. Du schriest erbärmlich, doch es gab keinen Kummer, der dir beigepflichtet hätte, kein Slogan des Erbarmens. Alle waren glücklich und hatten, wenn du heute mit dem Finger jene Zufriedenheit in den Menschen deuten würdest, gleichsam postnatale Gesichter. Schweißnasse, errötete Gewinner. Du warst ein Winzling. Du warst sensibel und zerbrechlich wie eine Seifenblase. Du hattest keinen Anteil an dem Glück, dass unmittelbar um dich herum wahrhaftig wurde. Es schien keine Notiz von dir zu nehmen, denn vielleicht hast du einfach viel zu viel geschrien. Sinusförmig, wie ferne Sirenen, am Rande einer Katastrophe, in deren Epizentrum sich das Wunder deiner Geburt befindet. Man brachte dich später weg; vom G-l-ü-c-k. Man lies dich alleine, in einem transparenten sargähnlichen Kasten, in dem du tagein tagaus auf die Revision dessen gewartet hast, was diesseits als das Wunder der Natur bezeichnet wird.

Weißer Körper

Vorbei ziehen Winde, die hier drinnen zu belanglosen Wispern ersticken, die hypotonisch an den Fenstern saugen und sie schütteln, dass sie klirren wie Louis-Seize Vitrinen voll‘ Porzellan und jäh erstarren, als erschreckte man sie in flagranti; vorbei ziehen Wölkchen, die weißen Tupfern gleichen, verirrt und ungeeignet, einem Störenfried gleich, der das begehrenswerte Zirkon interferiert. Ich kann das Grün der Bäume auf der anderen Seite durch die Doppelverglasung schmecken und ihren Duft riechen, und wenn die Sonne in scharfen Strahlen durch sie hindurchbricht – dann schließe ich meine Augen und erblicke ein glänzendes Inferno, und wenn ich sie wieder öffne, in das netzhautverglühende Weiß blicke, dann bin ich rein, weil die Szenerie sich selbst abschafft, um in einem drastischen radialen Zog wieder über mir hereinzubrechen.

Ich sitze – oder hänge – im Sessel auf eine Weise, die man als phlegmatisch bezeichnen würde, meine Sagittalebene trifft den Raum im goldenen Schnitt. Während ich den konturierten Rändern kleiner Kumulus-Wölkchen hinterherstarre, wird meine Haut gebacken. Ich trage graue Altherrensocken aus einem Baumwoll-Gemisch, eine anthrazitfarbene Jeans und ein achtzehn Jahre altes kurzärmliges Hemd, das mir tatsächlich gefällt. Dieses Zimmer ist vom sterilen Weiß und es befindet sich hier Nichts weiter außer mir, dem Sessel und einer unter der Fensterbank liegenden dünnen Matratze, die den Eindruck erweckt, als hätte man begonnen, eine weiße Insel auf den Fußboden zu malen und wäre mittendrin aus dem Fenster getürmt. Der Raum, ein unvollständiger weißer Körper – das hier ist mein Tempel, mein campus Elysion.