Opak

Es regnet draußen, man kann das leise Rieseln der Regentropfen auf dem Dachfenster hören. Es spiegelt die Maisonette als fahle, rechteckige Projektionsfläche wieder, die vom TV-Zappen diffus flimmert. Die Schwärze, die den Fensterrahmen zähflüssig ausfüllt, ist makellos ohne das Rauschen endender Fixsterne. Ich liege seitlich auf der Couch und mein Kopf ist auf meinem Unterarm gestützt, und obwohl eingeschlafen, will ich mich nicht rühren. Die leisen Stimmen aus dem Fernseher verbinden sich mit dem Regen. Mein linkes Auge ist geschlossen, mit dem Verbliebenem schiele ich auf das offene Buch Tractatus logico-philosophicus vor mir. Bis ich eine Seite gelesen habe, vergeht Zeit, dafür ist es zu spät und Sätze verflüchtigen sich und tanzen vor meinem offenen und müden Auge. Ich lese den Satz wieder und wieder. Jetzt hab ich’s. Dann der Nächste und wieder beginnen die Sätze sich sonderbar in Fragmente zu lösen, nicht syntaktische, sondern körperliche und konkurrieren um die Aufmerksamkeit meiner zyklopischen Wahrnehmung – ich schlafe ein.

Im Hier und Jetzt

Deine Hand bleibt im Spannbetttuch hängen, dort wo dein Gewicht am meisten lastet und den Stoff abschmirgelt, so dass kleine Löcher entstehen, die sich irgendwann zu noch größeren verbinden, wie Bläschen unter Wasser. Durch den Schlitz zwischen den Vorhängen aus schwarzen Müllbeuteln dringt das frühe Tageslicht in dein Zimmer und projiziert ein blasblaues Auge an der Wand hinter deinem Bett. Irgendwie hast du schlechter als sonst geschlafen und dein Mund schmeckt nach trockenem und dehydriertem Speichel, der klebrige Ränder an den Lippen hinterlässt. Kaum hast du das Bewusstsein wiedererlangt, greifst du instinktiv nach der mit Kranwasser gefüllten Weinflasche und gurgelst intensiv, sodass kleine Spritzer aus deinem Mund und auf deiner Wange oder Stirn landen, wie beim Dentisten, wenn er im Mundraum herumstochert und du die Zunge ruhig halten sollst und oftmals, wenn du einen Schluckreflex bekommst, den zu unterdrücken dir labiale Krämpfe beschert, damit der Zahnarzt seine Arbeit grünlich verrichten kann – ohne dein ohnehin unruhiges Sitzen oder Liegen -, spritzt Speichel, der sich in den Mundwinkeln angesammelt hat oder mit den deine Drüsen bereits zum Befeuchten aufwarten, einfach hinaus, was meistens peinlich ist, vor allem, wenn die Zahnarztassistentin daneben steht, abrufbereit und mit dem Speichelsauger viel zu tief hängt und dich eher am Gaumen kratzt. Es ist warm, der späte Frühling hat sich wärmer angemeldet, als die letzten Male und deine Brust kleibt vom Nachtschweiß, also springst du schnell unter die lauwarme Dusche, putzt dir dabei die Zähne und pinkelst spritzfrei in das Abflussloch. Das befriedigende Gefühl warm umspülenden Duschwassers in Verbindung mit der Erleichterung erzeugt eine Gänsehaut, fast so befriedigend wie das Urinieren in einem warmen Schwimmpool oder See. Zwischen beiden Flüssigkeiten gibt es dann keine Trennung mehr, nur noch den sanften Druckabfall deiner Blase, als würde das dich umschließende Wasser den Urin sanft aus dir heraussaugen. Danach trocknest du dich gründlich ab, reibst dich mit schnelleinziehender Hautcreme ein, reinigst deine Ohren mit exakt drei Ohrstäbchen, reißt zwei mal zwei Streifen Toilettenpapier ab, faltest das eine Doppel und wischst die Ohren trocken, faltest das andere Doppel ebenfalls, schnäuzt dich und wischst dir mit dem Knäult die noch feuchte Arschritze ab, zwei, drei Spritzer Parfum und rein in etwas vorzeigetaugliches. Ein  Die Wahl der Shorts ist das Unspektakulärste, obwohl sie, gemessen an der Bedeutung der zu verdeckenden Stellen, das wertvollste verbergen. Eine anthrazitfarbene Hose mit Falte soll es heute sein, dass sie mehr als die übliche Anzahl Falten hat, störrt dich nicht, dazu ziehst du dir graublaue Wollsocken an, Gr. 44, gerade so dünn, dass sich deine Füße in den braunen Lederschnürern an die Rundungen anschmiegen, du willst schließlich einen festen Fersengriff und belüftete Füße haben. Gürtel braun, Hemd schwarz –  Armbanduhr. Das Sakko, ein Mischgewebe aus sandfarbenem Untergrund, mit blau-braun karierten Mustern durchwebt – ein idealer Ort für Flecken. Die nassen Haare legst du noch einmal mit der Hand zurück und lässt sie lufttrocknen, denn es ist Zeit für dich, aus dem Haus zu gehen, du greifst nach dem Portmonee, dem Schlüsselbund und deinem Handy; wenn du irgendwo hingehst, dann bilden diese Utensilien eine Art heilige Dreifaltigkeit, nach der sich draußen in der Öffentlichkeit, in der Zwischenmenschlichkeit, das meiste unbedingt und in deren Unvollständigkeit proportional in Abhängigkeit äußert, die einen schon des Öfteren nach einer feierlichen Tüchtigkeit morgens überfällt, nachdem das unstoffliche Bewusstsein wieder verstoffwechselt im Hier und Jetzt -.

Melancholia

Schreiben ist wie jede andere stille Tätigkeit; insgeheim eine einsame Tätigkeit. Schreiben fällt dir schwerer, als zu grübeln, weil Wörter einer linguistisch-semiotischen Struktur folgen müssen, um Sinn zu ergeben. Deine Gedanken hingegen sind alles andere als geformt, strukturiert und sinnig. Sie sind wild und ungezähmt, rau, schnell und energisch wie Funkenschläge, die kurz aufblitzen, um anschließend wieder zu verschwinden. Du fasst einen Gedanken, der dich einen kurzen Augenblick später an ganz absurde Vorstellungen bringt. Es ist, als sähe man sich ein Daumenkino an, in einem dunkeln Raum, der vom Stroboskoplicht vibrierend befeuert wird. Eindrücke verschmelzen dort, verformen sich und bilden eine zähe mentale Substanz, deren Ausformung immer wieder vom kurzen Aufflackern der sich einbrennenden Gedankenschnipsel durchbrochen wird. Neurologische Reize verzweigt wie elektrische Wurzeln auf atomaren Schaltkreisen. Du siehst dreidimensionale physische Abbilder deiner Imagination als Netz leuchtender Schaltkreise, so fein wie Kapillargefäße; nein, unendlich viel kleiner. Wie viele Millionen und Abermillionen Kilometer wird diese energetische Strecke erreichen, mäße man ihren Weg von der ersten bis zur letzten Zellteilung? Und doch, wenn du sie wie eine Schnur zu einer Kugel aufwickeln würdest, bliebe nichts anderes von dir übrig, als ein Punkt ohne Ausdehnung.