praefatio

Ich proklamiere hiermit eine dringende Botschaft:

Das Fernsehen ist tot, lang lebe das Fernsehen.

Oder so ähnlich. Vielleicht ist meine Heroldsformel noch etwas verfrüht und eine wirkliche digitale Nekrose in einem breiten technologischen Feld wie diesem gibt es nicht gleichzeitig, weil die alte Technologie an unterschiedlichen Orten zu unterschiedlichen Zeiten zu Grabe getragen wird – und es sich sozusagen um „lokale“ oder punktuelle Tode handelt –, der besagte Ausruf daher viel mehr im doppelten Sinne des Wortes der „sozioökonomischen Betrachtung“ zu verstehen ist; nämlich im Glotzen. Das neue Fernsehen tritt die Erbschaftsfolge mit erhobenem Haupt an und beweist allen scheinbar zu Recht, dass es den Respekt verdient, der ihr von fast überall her entgegenweht.

Es gab in den 30ern bis 60ern eine regelrechte Hypekultur um den eckigen Kasten. Dieser Zeitraum mag zwar lang erscheinen, doch ist er dem Umstand geschuldet, dass in diesem verschiedene soziokulturelle Umwälzungen stattfanden. Zum einen wurden die Kinos durch private Stummfernseher verdrängt, dann kam das Schwarzweißgerät mit Ton und anschließend die Revolution in Farbe, wohingegen es sich heute mehr um eine Kombination aus Technologien und Methoden handelt, die unter dem Begriff des „digital Entertainment“ zusammengefasst werden können. Das klingt natürlich schnörkellos und schön, wie der Begriff „Manager“ oder „Management“. Dort kann man nämlich alles abladen, was ungefähr damit zu tun hat, so ist man meistens auf der sicheren Seite. Digital Entertainment. Das muss man sich Mal auf der Zunge zergehen lassen und vielleicht ein bisschen Gurgeln, wie mit guten Weinen, oder aber mit schlechten, merkt ja keiner.

Kommen wir jetzt wieder zurück zum königlichen Stiefvater der Unterhaltung. Was hat es also mit dem Sterben auf sich? Die jahrzehntelange Inquisition hat das klassische Privatfernsehen aus gut überlegten und vielfältigen Gründen auf dem Gewissen. Kaum ist jemand auszumachen, der ihm not etwas Gutes zuflüstern könnte. Die Zuschauerzahlen fallen und fallen. Doch das Fernsehen erlebt an den zu Beginn erwähnten unterschiedlichen Orten zu unterschiedlichen Zeiten eine Wiedergeburt aus der Asche, wie es sich ein Phönix nur erträumen könne. Der Absatz floriert, dank selbstbestimmtem Fernsehen? Jain. Es ist unbestreitbar eine schleichende Innovation. Ähnlich jener der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts, doch die Inquisition ist mit Richtmessern bewaffnet, deren moralische Klinge mit der Zeit nur an einer Seite geschärft wurde. Denn wenn man beide Technologien gegenüberstellt, wobei es sich bei den Streaming- und Video-On-Demand-Diensten nicht um eine homogene Technologie wie die des TV-Geräts mit seinem Privatangebot handelt, sondern um unterschiedliche, flächen- und mentale, fugendeckende digitale Technologien, dann gibt es wenige Differenzen und jene, die sich vom alten unterscheiden, sind gravierender als zuvor. Trash-TV stirbt tatsächlich aus, aber das ist ein hinnehmbarer und wahrhafter Tod auf dem Feld, wenn man den neuen Trend des Bingen – Komaglotzens – an seiner statt hernimmt. Die alte Flimmerkiste erhält ihren verdienten Platz in der Popkultur.

An Stelle von Massenproduktionen an Sendungen und Serien treten nun Produktionen für die Massen.

Die Serien gewinnen an Hochglanz bei ähnlichem Inhalt. Die Auswertung von Echtzeitdaten aus echten Zugriffsstatistiken, die nicht mehr über Modellfamilien bezogen und hochpoliert werden müssen, und echten Trackingprotokollen – echtes Konsumverhalten. Echtes selbstbestimmendes Fernsehen in diesem Sinne, das bedeutet nicht, aus einem vorgegebenem Filmpool gegen instant Bezahlung schöpfen zu können, schon weniger, wenn man an ein Monatsabo gefesselt ist, sondern mitzuentscheiden, welche Sendungen Produziert werden sollen. Alles andere ist Augenwischerei des Marketingkosmos’. Denn auch das klassische Fernsehproletariat hat und hatte immer die Entscheidungsgewalt über die Sendungen und Werbeunterbrechungen. Zwar fehlt der Werbung ihre naive Dümmlichkeit vergangener Dekaden, doch dafür ist ihr Rüstzeug umso smarter, kürzer, subtiler. Eklatanter ist der Glaube, der Zuschauer wäre mündiger als zuvor. Das pathologische Bedürfnis nach engmaschiger Dauerunterhaltung wird ihre Symptome viel früher preisgeben, als es das klassische Fernsehen tat.

Was tatsächlich tot ist, ist nicht das Fernsehen, sondern der Kritiker.

Supermarktkrise mit Filmkritik (M*A*S*H)

Heute plagt mich eine fürchterliche Denkblokade, so als wäre mein ganzer Kopf gänzlich ausgehöhlt und von den wenigen verbliebenen Nervenzellen sprießen rudimentäre vegetative Nervenbahnen, die mein Überleben gewährleisten. Ich fühle mich leer, hohl und taub, so als hätte man mich von sämtlichen äußeren Reizen losgelöst, ein latenter Schwebezustand meiner Wahrnehmung. Ich will keine diagnostischen Urteile fällen, aber ich vermute, dass es etwas mit meinem Schwindel und dem Druck im meinem Kopf zu tun hat, an dem ich seit wenigen Tagen leide. Meine gesamte Wahrnehmung ist nämlich auf eine Weise anders, die an leichte Beschwipstheit erinnert. Der Druck in der Gesichtspartie verschlimmert das Ganze, ist er doch auch möglicherweise die Ursache der Verspannungen in meinem Nacken. Ich hebe schon seit geraumer Zeit den Verdacht, dass mein Nacken ein äußerst labiles Gebilde aus schwachen dünnen Stützmuskeln, verkümmerten faszialen Sehnen und überspannten Bandscheiben ist, das an einem Fixpunkt, wie dem Atlaswirbel zu einer zentralnervösen und sensomotorischen Beeinträchtigung führt, das sich in Schwindelanfällen, Schmerzen in diversen Kopf- bzw. Gesichtsregionen, leichter auch durch Angst verursachter Übelkeit, Kribbeln der Haut- und Muskelpartien und der Überempfindlichkeit gegenüber hellem Licht sowie kognitiven Reiz- und Informationsverarbeitungsstörungen der Form von Gedächtnisproblemen, Wahrnehmungsstörungen (Tunnelblick), Schwierigkeiten im logischen Denken sowie in Artikulation äußert. Oder ich suche schlichtweg in banalen Diagnosen nach Erklärungen für ein so komplexeres Problem. Gestern stand ich im Supermarkt an der Kasse, ich war zweiter vor dem Abkassiertwerden und wäre um ein Haar einfach weggelaufen; ich hätte also meine zwei Sachen, Toilettenpapier – wofür ich extra zum Supermarkt gelaufen war, weil die letzte Papprolle nur noch eine weiße Fahne hatte und ich in dieser Wohngemeinschaft für die Verbrauchsmaterialien zuständig bin, für die ich von jedem Mitbewohner Anfang des Monats 5€ bekomme – und Bananen, für einen größeren Einkauf hatte ich zu dem Zeitpunkt bereits keine Nerven mehr gehabt, also ich hätte die Sachen einfach vom Band genommen und wäre in den hinteren Abteil gegangen, wenn ich noch Zeit hätte und hätte die Sachen dort irgendwo abgestellt und mich unauffällig an irgendetwas in der Art angelehnt, die mich die anschwellende Kriese auszubaden nicht verrückt hätte aussehen lassen und um keine Aufmerksamkeit zu erwecken, sodass ein übereifriger Angestellter auf die Idee käme, den Notarzt zu benachrichtigen; also da wäre ich wahrscheinlich aufgesprungen, hätte nach einem leeren Karton gegriffen und wäre mit selbigem auf dem Kopf aus dem Laden gerannt, um zu vermeiden, bei späteren Einkäufen erkannt zu werden. Also die Art von Vorfall nervöser selbsterfüllender Prophezeiungen, wie der Begriff im psychosomatischem Therapiespektrum verwendet wird, war der 1. seit meinem Einzug nach Potsdam und der 1. seit mindestens 5 Monaten. Solche Schwindelattacken und Wahrnehmungsstörungen sind eine verdammt beunruhigende Angelegenheit. Das ist so, also ob du gerade unterwegs bist und plötzlich deine Beine weich werden und weich bleiben und du weißt einfach nicht wieso sie weich sind. Dazu kommt noch mein nervöser Darm. Er reagiert sehr empfindlich auf angstauslösende Faktoren. Dann muss ich irgendwo eine Toilette finden, egal ob ich Scheißen muss oder nicht. Am Samstag war ich ganze 3 Mal auf dem Pot deswegen! Und Sonntag immerhin nur 1 Mal. Vorhin hat er sich auch wieder gemeldet, aber ich schiebe es diesmal auf den Kaffee. Ich habe gestern ein intensives Nacken- und Schultertraining mit eingeschobenem Beintraining absolviert. Ich glaube, dass es mir heute deshalb etwas besser geht, war die Nacht doch von einer leichten Schwere begleitet – und einen leichten Schweißfilm habe ich auch gehabt. Das kann auch an der Belastung des ZNS liegen, da ich selten sportlich aktiv bin. Beim Bewegen meines Kopfes merke ich die Auswirkungen auf das labile Gebilde in Form von geringfügigen bis mittleren Schwindelschüben, die kurze Zeit danach wieder abklingen, doch generell begleitet mich in der aufrechten Position ein diffuser Schwindel, eine fortwährende Stumpfheit meiner Wahrnehmung, meines Blickfeldes. Versuch im Winter, wenn du lange genug draußen gewesen bist und plötzlich in ein Gebäude hineingehst, zu sprechen. Du merkst, dass deine Lippen deinem gewöhnlichen Sprechtempo nicht nachkommen, sie bewegen sich verlangsamt, wie in Zeitlupe, zäh und grob: so ergeht es meiener visuellen Sinneswahrnehmung.

Wir haben heute den wärmsten Tag im Jahr mit fantastischen 21° und ich habe den ganzen Tag im Zimmer verbracht. wie beinahe jeden Tag. Aber wohin soll ich schon auch gehen? Lesen und Schreiben kann ich auch hier in aller Ruhe. Draußen kenne ich niemanden und Smalltalk und Gespräche interessieren mich nicht die Bohne gerade.
Heute habe ich den Film M*A*S*H geschaut. Das ist eine satirische Komödie über ein mobiles Kriegslazarett in der Nähe der Kriegsereignisse in Korea. Die Dialoge sind oft dermaßen überlappt, dass sie Verwirrung stiften und perplex machen. Es geht um Sex, Ungehorsam, Alkohol, Gott und die Angst seine Männlichkeit zu verlieren. Besonders deutlich ist der Sexismus zu der Zeit im Militär. Die Vorgesetzten werden ausgetrickst, angelogen und Opfer verschiedener Ausschweifungen ihrer Untertanen. Der Schauplatz ist ein Lazarett, in dem die Protagonisten ihren Humor mit viel Blut und narzisstischem Gerede ausbreiten. Jeder Arzt bzw. Chirurg hält sich natürlich für den Besten auf seinem Gebiet und so strotzen die Dialoge vor sexuellen Anspielungen und Angeberei. Ein Runing-Gag, ein komödiantischer roter Faden, sind die fortlaufenden die Handlung durchbrechenden Durchsagen eines Soldaten, der nicht gerade ein helles Köpfchen ist und die ihm diktierten Texte oft nicht sinngemäß überbringen kann, weil er Begriffe vertauscht, sich im Sinne – und das ist nur eine Vermutung – Freud’scher Versprechen verhaspelt, oder aus der Unfähigkeit heraus, manchen Satz vollständig auszusprechen, sie weglässt oder revidiert. Meine persönliches Interesse gilt jener Stelle, in der Captain Painless Pole seinem Freund Captain Hawkeye gesteht, dass es aus um ihn ist, weil er glaubt, homosexuell zu sein, weil er es nicht fertigbrachte, seine Frau mit einer anderen zu betrügen. Das komische daran ist, dass er behauptet, sich darüber informiert zu haben, woraus er seine Gewissheit zieht. Außerdem ist er der Auffassung, dass es irgendwann so kommen müsste und das Leben wäre für ihn aus, er müsse den Freitod wählen. In der Szene liegt die Ironie der Angst vor der Homosexualität im Militär einerseits und der dauernden sexuellen Anspannung unter den Soldaten andererseits, die, um ihren Druck abzubauen, sich jeder möglichen Frau anbiedern, bei denen sie dann letztendlich – möglicherweise aus Gründen des Gewissens – scheitern. Aus gekränkter Eitelkeit seiner Männlichkeit wählt er den inszenierten Freitod durch die schwarze Pille, die ihn entgegen seiner Erwartungen nicht tötet, sondern ohnmächtig macht, weil Hawkeye eine Frau dazu benutzen möchte, Captain Painless Pole durch eine gewisse Dienstleistung aus seiner selbsterfüllenden Prophezeiung zu befreien. Die einzigen, die sexuell ungezwungen zum Zuge kommen, sind Major Frank und Major Hot Lips, die nach außen die Etikette, den militärischen Codex und die Richtlinien präzise auslegen, unter der Oberfläche jedoch ihren sexuellen Bedürfnissen genauso erlegen, wie alle anderen, die dieses Techtelmechtel ausnutzen und sie vor der gesamten Station durch ein verstecktes Mikrofon bloßstellen. Es ist schwer vorzustellen, dass solche Einheiten die Interessen der Vereinigten Staaten vertreten und verteidigt hatten, aber bei näherer Betrachtung und der Auseinandersetzung mit dem Thema kommt man doch zu dem Schluss, dass das Militär zu jeder nicht aktiven Zeit im Krisengebiet aus einem infantilen Konglomerat aus naiven, hitzköpfigen und arroganten Menschen besteht, die sich dauernd in Konflikten messen und beweisen müssen – ganz wie zwei kleine Jungs; großspurig und trotzig. Der Film verwirft sein Potential und degeneriert zu einer seichten Komödie, die vor dem Kriegshintergrund mit stumpfen Dialogen und kurzen Pointen aufwartet.