Weißer Körper

Vorbei ziehen Winde, die hier drinnen zu belanglosen Wispern ersticken, die hypotonisch an den Fenstern saugen und sie schütteln, dass sie klirren wie Louis-Seize Vitrinen voll‘ Porzellan und jäh erstarren, als erschreckte man sie in flagranti; vorbei ziehen Wölkchen, die weißen Tupfern gleichen, verirrt und ungeeignet, einem Störenfried gleich, der das begehrenswerte Zirkon interferiert. Ich kann das Grün der Bäume auf der anderen Seite durch die Doppelverglasung schmecken und ihren Duft riechen, und wenn die Sonne in scharfen Strahlen durch sie hindurchbricht – dann schließe ich meine Augen und erblicke ein glänzendes Inferno, und wenn ich sie wieder öffne, in das netzhautverglühende Weiß blicke, dann bin ich rein, weil die Szenerie sich selbst abschafft, um in einem drastischen radialen Zog wieder über mir hereinzubrechen.

Ich sitze – oder hänge – im Sessel auf eine Weise, die man als phlegmatisch bezeichnen würde, meine Sagittalebene trifft den Raum im goldenen Schnitt. Während ich den konturierten Rändern kleiner Kumulus-Wölkchen hinterherstarre, wird meine Haut gebacken. Ich trage graue Altherrensocken aus einem Baumwoll-Gemisch, eine anthrazitfarbene Jeans und ein achtzehn Jahre altes kurzärmliges Hemd, das mir tatsächlich gefällt. Dieses Zimmer ist vom sterilen Weiß und es befindet sich hier Nichts weiter außer mir, dem Sessel und einer unter der Fensterbank liegenden dünnen Matratze, die den Eindruck erweckt, als hätte man begonnen, eine weiße Insel auf den Fußboden zu malen und wäre mittendrin aus dem Fenster getürmt. Der Raum, ein unvollständiger weißer Körper – das hier ist mein Tempel, mein campus Elysion.

Melancholia

Schreiben ist wie jede andere stille Tätigkeit; insgeheim eine einsame Tätigkeit. Schreiben fällt dir schwerer, als zu grübeln, weil Wörter einer linguistisch-semiotischen Struktur folgen müssen, um Sinn zu ergeben. Deine Gedanken hingegen sind alles andere als geformt, strukturiert und sinnig. Sie sind wild und ungezähmt, rau, schnell und energisch wie Funkenschläge, die kurz aufblitzen, um anschließend wieder zu verschwinden. Du fasst einen Gedanken, der dich einen kurzen Augenblick später an ganz absurde Vorstellungen bringt. Es ist, als sähe man sich ein Daumenkino an, in einem dunkeln Raum, der vom Stroboskoplicht vibrierend befeuert wird. Eindrücke verschmelzen dort, verformen sich und bilden eine zähe mentale Substanz, deren Ausformung immer wieder vom kurzen Aufflackern der sich einbrennenden Gedankenschnipsel durchbrochen wird. Neurologische Reize verzweigt wie elektrische Wurzeln auf atomaren Schaltkreisen. Du siehst dreidimensionale physische Abbilder deiner Imagination als Netz leuchtender Schaltkreise, so fein wie Kapillargefäße; nein, unendlich viel kleiner. Wie viele Millionen und Abermillionen Kilometer wird diese energetische Strecke erreichen, mäße man ihren Weg von der ersten bis zur letzten Zellteilung? Und doch, wenn du sie wie eine Schnur zu einer Kugel aufwickeln würdest, bliebe nichts anderes von dir übrig, als ein Punkt ohne Ausdehnung.