Nachtkälte Teil Eins

Der Morgen danach war weniger grauenvoll, als ich es erwartet hatte. Maria stand auf, richtete ihren Slip und ging ohne etwas zu sagen, aber das machte nichts, Ricardo lag neben mir. Maria hatte eine indische Blume über dem neckischen Grübchen an den Lenden tätowiert. Im Grunde war ich der Einzige ohne Tattoo; ob am Finger, Bein oder Nacken, es war Teil ihres Lebensgefühls, eine Stilisierung.

Über dem Bett war ein Lebensbaum auf die raue Tapete gemalt, die vom schwülen Wetter jedoch wellig und verbeult war, was dann auch passte. Ricardo lag mit dem Rücken zu mir und tastete im Halbschlaf nach hinten und als er sich vergriff, nahm ich behutsam seine Hand und legte sie ihm auf die Hüfte, dann strich ich ihm die schwarzen Strähnen vom Gesicht und prüfte, ob er nicht doch wach war. Ich streifte die dünne Decke ab und ging zum Waschbecken, in das meine Hände gerade noch so hineinpassten, es war eine Art emaillierte quadratische Schüssel in einem hölzernen Gestell eingelassen – und ich muss anmerken, dass ich keineswegs große Hände habe.

Du fragst dich vielleicht, ob ich bisexuell bin?

Das kann ich dir nicht beantworten, aber wen interessiert das schon, außer die autoridades? Ricardo hatte sich die Nacht oft bewegt, sein Schlaf war fiebrig, seitdem die Unruhen begonnen haben. Nachts hatten die meisten hier Angst vor den Inviolable – wie die Banden genannt wurden, die völlige Immunität genossen –, ihren 125ern und den modifizierten Rollern, auf denen sie die Straßen nord- und südwärts entlangstotterten und Schlägereien anzettelten, für die du dann in der Arrestzelle landest. So zwangen sie uns, vorsichtiger und unauffälliger zu leben.

Maria saß draußen mit Yoana und Felipe, sie teilten den Tabak für die Fahrt in kleine Beutel mit Zip-Verschluss auf und packten sie dann zusammen mit der Elektronik in wasserfeste Taschen. Es sollte nachher noch einmal regnen und dann trocken bleiben – das freute mich, weil ich die Wäsche dann nicht mehr so oft waschen musste; ich war das Klima nämlich noch nicht einmal nach dieser Zeit gewohnt.

Unseren ersten Zwischenstopp hatten wir bei einer kleinen Kochstube, wo wir für das Essen nichts bezahlen mussten, dafür aber mit dem Jeep zwei umgefallene Bäume vom Waldweg wegschleppen und um ein Haar wäre der Wagen in der Ablaufrinne stecken geblieben. Ich war schon einmal in so einer Situation, mit zwei Fußmatten und einem beherrschenden Vor- und Rückspiel an der Achse bekamen wir das Auto aus dem Schlamm.

Man schmeckt in der Küche den Chinesischen Einfluss aus der Zeit vor der Industrialisierung, als es hier viele Einwanderer aus Fernost gab. Zu trinken gab es Chicha, das ist eine Art Bier auf Maisbasis. Wir waren jetzt wieder auf dem Weg nach Norden, wo wir einen neuen Trafo für eine unabhängige Rundfunkanstalt installieren sollen. Nächstenliebe war hier stark von mit einem Handschlag besiegelten Geschäften abhängig. Vor allem für Europäer war es wieder gefährlicher geworden. Ich erinnerte mich wieder, dass gestern in der Bar ein blonder Mann – möglicherweise Pole – in der Nähe unseres Tisches in eine Diskussion mit Einheimischen verwickelt war oder in einen Streit, ich weiß es nicht mehr genau, wir hatten Pisco getrunken und freche Lieder gesungen, bis man uns gebeten hatte, nachhause zu gehen. Felipe sagte, er läge jetzt im Krankenhaus. Anscheinend hätten ihn die Inviolable nach Mitternacht aufgerieben – er hätte nicht so lange rausgehen dürfen, sagte er. Das kann doch nicht so weitergehen, hatte ich daraufhin erwidert, aber er schaute einfach weg, starrte einen imaginären Punkt weit vor seinem Gesicht an und sagte: Es ist nicht deine Sache.

Yoana ließ die Beine von der Ladefläche baumeln, sie sang und summte ein Lied, das mir bekannt vorkam und ihre blonden Haare tanzten im Fahrtwind. Erst jetzt erkannte ich die Narbe auf ihrem Rücken, der wie der Rest des Körpers von einer makellosen olivbraunen Farbe war.

Wir kamen nur schleppend voran, weil es die letzten zehn Tage so oft geregnet hatte, dass die Hänge durchgeweicht, die Pässe und Straßen unterspült und unpassierbar geworden waren, aber dank Ricardo kamen wir auch hier durch, der nicht nur versteckte, kaum erschlossene Verbindungswege kannte, sondern auch Abkürzungen und am wichtigsten die Betriebstiefe des Jeeps abschätzen konnte, was es fast zu einem Amphibienfahrzeug machte.

Nur einmal musste ich aussteigen und die Tiefe anhand meines Körpers messen und indem ich den Pass einmal durchquert hatte, hatten wir die Gewissheit, dass uns bei der Überquerung keine böse Überraschung erwartete.

Noch war ich nicht wirklich richtig wach, aber auch nicht sonderlich müde. Mir fehlte der italienische Kaffee, denn von der schwarzen Brühe hier bekam ich oft eine ungewollte Entschlackung und eine Zitterpartie, die mich zum besten Shékere-Spieler in ganz Peru machen würde, hätte man mir welche an die Hände gebunden.

Wir fuhren zum Estabian. Er betrieb im Norden einen Gebrauchtwarenladen für Haushaltselektornik. Die meisten Artikel, die er vertrieb, stammten aus Europa und hatten mehr Hände durchlaufen, als an jeder Finger dran waren. Auf meinen Vorschlag hin, mir den Wagen später mal genauer anzuschauen, weil die Federn unheimlich quietschen und wir bei jedem Schlagloch schwindelerregend wippten, hatte Ricardo nicht reagiert, ich vermutete aber, dass er es einfach ignoriere.

Aus dem Radio plärrte blechern Nationalmusik, des Volkes Stimme. Maria beugte sich nach vorne und ich konnte ihr in den Ausschnitt blicken; es gab Zeiten, da hätte sie mich dafür gehauen, aber sie lächelte nur keck und wollte das Radio ausstellen, wobei sie den Knopf abriss – wir lachten alle, obwohl die Musik schrecklich war. Dann gab sie mir einen Kuss auf die Wange und verschwand wieder.

Im Grunde war ich froh, das dunkelgrüne Muskel-Shirt angezogen zu haben, denn die Mittagssonne hing wieder erbarmungslos hinter einem diesigen Schleier aus verwischten Zirruswolken und überall dampfte das Regenwasser.