Romanscherben: Alex’s persönliche Akkreditierung

Lyn hielt die Türklingel einen Augenblick lang gedrückt, ehe er losließ; ein knopfgroßer abgenutzter Schalter inmitten eines aufgerissenen Löwenschlunds eingelassen. Dann trat er auf die vorletzte Stufe zurück, gab sich mehr Raum und atmete tief durch. Schweres Glockenbimbam drang in die Dämmerung hinaus. Er fröstelte. Vordachträger sowie Löwe aus poliertem Messing, fast schwarz. Seinen Schuhdreck wische er, ohne hinabzusehen, nochmal am patinagrünen Treppenläufer ab, als die Tür aufschwang und André, der Hausdiener, im feinsten habit de cérémonie einen Willkommensaperitif in Sektgläsern anbot. Lyn tat wie ihm geheißen, trat ein und nahm gleich zwei Gläser vom Silbertablett, das eine leerte er im Foyer und stellte es sogleich wieder aufs Tablett, »zum Wohl, Monsieur Störmer.«
Das Licht im Foyer hatte etwas Bernsteinartiges. Über der lackierten Kirschbaumbank hing ein Gemälde, dessen Kantenlänge die der negativen Diagonale der Tür entsprach, vielleicht etwas Klassizistisches. Mittendrinn auf einem rindenbraunen Perser mit schwarzen Ornamenten stand ein runder Glastisch mit Blumen, das Tischgestell, entsprechend dem gehobenen Cozy-Country-Style des Foyers, als kleine Baumplastik. Er legte seinen Jackentascheninhalt neben das Bukett aus Calabi-Yau-Rosen, um die Jacke Natalia in die Hände zu drücken. Der Boden, ein Mosaik aus großen gebrochenen Platten der Art Riverstone Tundra, passend zum rustikalen Ensemble, im schmutzigen Cremeton. Ein opulentes Streichquartett oszillierte träumend durch die Luft. Vom Fußboden erstreckten sich hohe Wände aus geschichteten naturbelassenen Steinen, die an Burgfestungen erinnerten und endeten an einer Holzdecke mit tief herabgelassenen Längstbalken, die scharfkantig den Weg zum großen Saal deuteten.
Lyn flüchtete unbemerkt Richtung Salatbar. Noch waren Tom, Emma und Vio auf dem Hinweg, was ihn zum Vorgirff aufs Buffett nötigte, um nicht in belangslose Gespärche verwickelt zu werden, nach dem Motto: nur unverschämte sprechen einen beim Essen noch an. Doch warf er bekannten Gesichtern hier und da ein Höflichkeits-Hallo-Nicken zu, damit wars die Sache auch schon. Die Party schien im vollen Gange zu sein, vielschichtiges Geplauder prickelte in der Luft und alle schien zufrieden. Aber er konnte Lex nicht finden. Kauend gucke er durch den großen Saal. Frau Dorsch war auch da. Ihr Makeup war großzügig aufgespachtelt, wie Acrylfarbe. Am liebsten würde er ihr mit der freien Hand durchs Gesicht fahren und ein weiniger abstraktes Bild hinterlassen, doch sie war zu weit weg, um auch nur annähernd das Ausmaß ihrer Oberflächenversiegelung zu inspizieren.
Er nahm noch einen Happen und drehte als treuer Trabant langsam seine Runden um die turmähnliche Salat- und Vorspeisebar, die im Saal so ziemlich mittig angeordnet war. Alle 20 Minuten schloss André seine icosianische Route und bot ihm wieder einen Aperitif an, das er nicht ablehnte und weiter den fließenden aber autoritativen Handbewegungen Lex’s Vaters, Hermann Lootz, folgte, der vom rhythmischen Kopfnicken umgeben, eine kleine Ansprache auf die stolze Linie des Hauses hielt – Ururgroßvater Hilbert, ein in Stein gemeißelter Pionier seines Fachs, legte den traditionellen Grundstein für die fortwährende akademische Doktorandenlaufbahn, die nun – nach Abschluss der höheren Universität – auch jene Lex‘ einläuten würde. Auch wenn Lex es nicht zugeben wollte, ein wenig peinlich war das ganze Protzen schon. Dann sah Lyn ihn endlich im hinteren an den Wintergarten angrenzenden Teil des Saals herumlaufen und Gäste hurtig im Vorbeiflug mit wohl überlegten und oberflächlichen Floskeln bedienen, bis Hermann mit einer augmentierenden Armbewegung den Raum zwischen ihnen verkleinerte und ihn in seine verba honorifica einschloss – was so ziemlich im ganzen Raum zu hören war. »Alter, du musst mich retten«, hörte ihn Lyn im Semiflüsterton, als er vorbeieilte. »Vergiss es. Da musst du jetzt durch!«, rief er hinterher.
»Schäm dich!«, erschrocken fuhr Lyn um und blickte in sechs düpierte Gesichter.
»Typisch. Du wartest nicht einmal auf uns.« sagte Emma in gespielter Trotzigkeit.
»Mia hat mich gefahren und hier abgesetzt. Wo wart ihr so lange?«, fragte er weniger interessiert, als er zum Ausdruck gab.
»Du kennst doch noch die Rosalia, die Irre aus dem Büdchen, unten beim Schimanskys -«, »Ja«, unterbrach ihn Lyn. »Also, ich war da noch Bier holen, fünf Flaschen, für jeden eine, ich wusste ja, dass es hier nur Champagner mit Goldlametta und Kaviar gibt. Naja, jedenfalls schüttet die Alte ihren Kaffeebecher über meine Hose.« Lyn musste so laut auflachen, dass die Geräuschkulisse im Saal eine Parabel beschrieb. »Und das nur deshalb, weil die kleinen Janis-Brüder dort wieder den Laden verwüstet hatten und als ich reinkam, war alles schon vorbei, aber die Schrulle dachte, ich gehöre zu denen und hätte lediglich was vergessen.«
»Geschieht dir recht. Ich musste gefühlt dem halben Parlament zunicken, ich wette, ich habe später ’ne Zerrung am Hals. Kaufst Bier und bietest mir keins an.«
»Wo hier? Ich hab’s an der Garage abgestellt.«
»Du hättest es auch André in die Hand drücken können, er ist total handzahm.«
»Zeig mir diesen A-n-d-r-é, von dem du sprichst«, sagte Tom gespielt tuntig.

Romanscherben: Zwischen Dunkelheit und Einsamkeit befinden sich 5mm Plexiglas

Nachts fuhr Lyn mit der RB – RB-S um genauer zu sein. Mit zu Scheuklappen hochgekrempeltem Kragen seiner schwarzen Windjacke versuchte er das Drumrum auszublenden und auf das dumpfe Takatak der Schienenführung zu achten, war weder beohrstöpselt noch alkoholisiert und saß die ewigeinsame Fahrt den Rhein hinauf hart gebettet auf einer schiefergrauen und zerkratzten Polypropylenschale mit der Tasche auf dem Schoß. Irgendwo nordwärts des Rheins ausgestiegen, hat er Aaron kennengelernt, der versuchte, Penny aus seinem nebulösen Rausch zu wecken, um die gleiche Regional-Bahn wieder Richtung Mainz zu erwischen, für dessen unaufgeforderte Auskunft sich Lyn erkenntlich zeigte, in dem er Penny mit einem Rautekgriff in die Bahn schleifte und ihn, nachdem Aaron Einkaufstaschen vom Bahnhofsboden sammelte, zwischen der zerkratzten Sicherheitsscheibe und Aaron einkeilte. Lyn dachte planmäßig meistens hier zwischen zwölf und Mitternacht und war froh, dass Aaron die Anschlusszeiten kannte, und sogar Ortstarife, Kontaktinformationen und Rechtschreibfehler der Bahnbroschüren, wie andere ihre Blutwerte, was ihn auch dank seines Äußeren zu einer Art lebender Litfaßsäule machte. Arron war war kein gewöhnlicher Obdachloser, obwohl sein buntes Erscheinen mit dem grünen strähnigen Iro, den zerfledderten Latschen und der übergroßen schwarzen Feuerwehrjacke mit neongelben Protektoren eine anderes Bild vermittelte; aber lassen wir an dieser Stelle das Dorf in der Kirche. Arron war Anwalt gewesen – „ich habe zwanzig Jahre für Recht und Ordnung gekämpft!“ Schimpfte er gegen die Dunkelheit, die drohend vor den Scheiben wähnte. Für ihn war das Leben auf der Straße eine Feuertaufe, denn vor nicht allzu langer Zeit verdingte er sich als erfolgreicher Rechtsanwalt für erweiterte Menschenrechte. Wegen einer großangelegten Verschwörunkgskampagne, die ihn als rechtschaffenden Advokaten diskreditiert und exalumniert hatte, weil er sich für Rechte von benachteiligten Menschenaffen einsetzte, denen die menschliche Sprache nicht bloß mimetisch beigebracht wurde und diese dann Gleichberechtigung als intelligente, denkende und fühlende Wesen forderten, hat er schließlich Akten- gegen Einkauftrolleys tauschen müssen. Die Menschenaffen lernten schnell Worte wie „meine“ und „Rechte“ in mannigfaltigen syntaktisch korrekten Satzkombinationen zu verwenden, gerade so, dass es für den jeweiligen Fall passte.

Romanscherben: Jubiläum und Joint-Venture in Frankowestfalen

Im April feiert das Syndikat sein inoffizielles 25. jähriges Bestehen. Mehreren ungeprüften Quellen zur Folge, darunter einer außendienstlichen Depesche eines TAA-Beamten, zwei Einträgen in der öffentlichen, wenn doch nicht einfach zu findenden, RES-Datenbank des 1. Netzwerks und dutzenden Net-Korrespondenzen uniformierter Beamter weisen auf einen verschleiertes Joint-Venture von vor 29 Jahren zwischen dem Agrar- und Erzbauförderunternehmen Miltek, Tochterunternehmen des wirtschaftspolitisch größten und regional agierenden Raiffeisen-Giganten Herfordt Stade mit dem nett konnotierten Beinamen Bodfin (wie Boden und Finanzen), das im Raum Stuttgart ansässig war und einer unbekannten Firma hin, die aus dem Nichts erschien, kurz bevor Willendorfer KoKG durch ungedeckte Kapitalforderungen bankrottgehen sollte, jene Firma, die durch komplizierte Vertragsvereinbarungen über ökonomische Privilegien in der S.N.A. Föderation südlicher Hemisphäre verfügte, wodurch das de facto Monopol der einführenden Bodenerze und -mineralien drohte, wieder an den Verhandlungstisch Westeuropas zu gelangen, weshalb der Unbekannte, der einen Tag zuvor Kapital – in Gold –, in Millionenhöhe als Einlage bei der Investmentbank der angezählten Kommanditgesellschaft pumpte, sie vor dem gefürchteten regionalen Super-GAU schützte und als kapitalmäßiger Eigentümer hinterrücks durch die Partnerschaft einen Fuß bei Bodfin hatte, was zwei Jahre später dazu führte, dass die Willendorfer KoKG, die alsdann als Precht & Kantel in Erscheinung trat, gezielt durch marktverändernde Subventionen wirtschaftlich wie politisch einflussreiche Institute und Unternehmungen an ihren sprichwörtlichen Ruin brachte, um sie dann billig einzukaufen. Bodfin sah seinem eigenen Ertrinken zu und konnte nichts unternehmen, als Luft in einen löchrigen Rettungsballon zu blasen.