Erinnerungen an schwarze Nächte und grüne Stoffe

Heute war so eine Nacht. Ich holte den Stoff vom Schrank herunter. Er war hinter einer langen Zierleiste versteckt, die den Schmutz und Staub vor dem Herabfallen hinderte. Meine Mutter hatte jedoch in der meisten Zeit keinen Grund in meinem Zimmer Detektiv zu spielen, an den Schränken mit den Händen in uneinsehbaren Winkeln und Flächen herumzuwischen und das Risiko einzugehen, Spinnen anzufassen oder mit den Fingern in Spinnennetzen zu landen. Mein Zimmer war akribisch aufgeräumt und pedantisch gepflegt. Die kleine Bibliothek gegenüber meines schlichten Schreibtisches war ausgestattet mit allerlei bildungskanonalen Werken der Antike und Moderne und standen pi mal Daumen zwei Zentimeter hinter der Kante auf Stoß, pseudointellektuellenmäßig nach Genre, dann nach Autor alphabetisch kategorisiert, manche lapidar übereinander gestapelt, um eine lässigen Umgang mit Büchern und regelmäßiges Lesen anzudeuten. Die bloße arachnophobe Vorstellung verursachte ihr ein schüttelfrostartiges Zittern und deshalb konnte ich mich der Sicherheit wähnen, unentdeckt einen zu piefen. Was ich in dem Polymertütchen hatte, war nicht vielversprechend, eher ein Witz. Der Stoff war gestreckt und kaum mehr als ein halber Gramm. Ich hatte dem Dealer nicht widersprochen und mir den Zehner abnehmen lassen, wofür ich auch froh war, denn ich kannte sonst niemanden und ließ mich lieber abziehen, als mit leeren Händen dazustehen, wenn solche Nächte plötzlich da waren. An manchen wie diesen, wenn der Himmel glasklar und kalt war, da hatte ich das Dachfenster geöffnet und mir die Decke umgeworfen. So konnte ich stundenlang an den Fensterrahmen angelehnt dasitzen und die kalte Luft einatmen, während ich die funkelnden Sterne beobachtete und sich mir das atemraubend dumpfe Gefühl anbahnte, die Unendlichkeit und das Universum niemals in seinem Wesen begreifen werden zu können. Das brauchte ich auch nicht, die Welt würde sich schon offenbaren. Wenn ich die Augen schloss und ins Dunkelrot meiner Lieder blickte, da erhaschte ich ein ums andere Mal eine unbegreiflich lebendige Tiefe, ein galaktisches Echo, so als verband mein Blickfeld alle Ecken des Universums und führte es zu einem einzigen Ursprung zurück. Diesmal tauchte die Nacht den Himmel in ein weißfleckiges schillerndes Meer, das sich meinem Blick nicht entziehen konnte. Meine Augen sogen das luzide Flackern der Millionen Sterne über mir auf. Behutsam nahm ich ein leeres Blatt Papier und legte es in meinen Kreis aus Beinen aus, dann legte ich das Tütchen in die Mitte, zog ein Paper aus dem schmalen schwarzen Heft heraus, legte dieses unter das Tütchen; dann nahm ich eine Zigarette, brach diese in zwei Hälften, wovon ich aus einer den Tabak entfernte, ihn mit beiden Händen, aber nur mit Daumen Zeige- und Mittelfinger, auf dem Paper fusselartig anordnete; aus dem Zigarettenpäckchendeckel ein rechteckiges Stück abriss und rollte es zu einem Filter zusammen, den ich ans linke Ende auf dem Paper arrangierte, was dicht am Tabak lag und zusammen eine Linie bildete, auf der anschließend der Stoff, der vorher zwischen den Fingern zerbröselt wurde, achtsam, aber mit zittriger Hand und leicht aufgeregtem Gemüt, verstreut wurde. Bauen gehörte nicht zu meinen Kernkompetenzen, weil mir das Resultat weniger bedeutete, als der Wirkstoffkomplex. Ich konnte mir auch aus einer alten PET-Flasche eine Bong bauen, war aber schlichtweg von dem Sammelsurium an Gerätschaften und Utensilien fasziniert, die sich um ein natürliches Psychoaktivum wie dieses entwickeln konnten.

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