Melancholia

Schreiben ist wie jede andere stille Tätigkeit; insgeheim eine einsame Tätigkeit. Schreiben fällt dir schwerer, als zu grübeln, weil Wörter einer linguistisch-semiotischen Struktur folgen müssen, um Sinn zu ergeben. Deine Gedanken hingegen sind alles andere als geformt, strukturiert und sinnig. Sie sind wild und ungezähmt, rau, schnell und energisch wie Funkenschläge, die kurz aufblitzen, um anschließend wieder zu verschwinden. Du fasst einen Gedanken, der dich einen kurzen Augenblick später an ganz absurde Vorstellungen bringt. Es ist, als sähe man sich ein Daumenkino an, in einem dunkeln Raum, der vom Stroboskoplicht vibrierend befeuert wird. Eindrücke verschmelzen dort, verformen sich und bilden eine zähe mentale Substanz, deren Ausformung immer wieder vom kurzen Aufflackern der sich einbrennenden Gedankenschnipsel durchbrochen wird. Neurologische Reize verzweigt wie elektrische Wurzeln auf atomaren Schaltkreisen. Du siehst dreidimensionale physische Abbilder deiner Imagination als Netz leuchtender Schaltkreise, so fein wie Kapillargefäße; nein, unendlich viel kleiner. Wie viele Millionen und Abermillionen Kilometer wird diese energetische Strecke erreichen, mäße man ihren Weg von der ersten bis zur letzten Zellteilung? Und doch, wenn du sie wie eine Schnur zu einer Kugel aufwickeln würdest, bliebe nichts anderes von dir übrig, als ein Punkt ohne Ausdehnung.

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