Am Vorort der Jugend

Und als sie ankamen und die hohen irisierenden Stahlwipfel im Scherenschnitt einer aufgerichteten Hand, die bierfarbenen Ziegelfassaden und das medioker Kulturpanorama – zwischen Winkeln, Wegen und Feldern, wo Tätigkeiten repräsentativ waren, wie Möbel im Raum – sahen, stand es auch für mich ihrer narrativen Erinnerung zum Dank glaskar fest, dass ich nichts anderes begehrte, als diesen Ort zu erkunden und mich der Abenteuer ewiger Ruhelosigkeit Pa’s und dem Drama des begabten Kindes buchstäblich und in einem Zuge nicht mehr hinzugeben, weil dieser Ort hier; der hatte Magie. Hier waren die Sommer anders. Und wenn die Sonne senkrecht auf uns herabschien, erhitzten sich die Straßen, eng umschlungene, am Vorort um erdnahe Behausungen kurvende, mäanderförmige trockene Asphaltbahnen, an den Flanken ins Sandbett fließend, grau gemalt und gaben diesen markanten säuerlichen Geruch nach trockenem Mulch und Staub ab und an den verwitterten Stellen eroberte die Natur die Flächen zurück, Krähenfüßen ähnelnd. Kein Großstadtschmutz. Bloß echter Sand und Sandstaub. Für mich existierte nur die stille Kulisse der Natur mit ihrer tektonischen Langatmigkeit.

Ich sah ab und an den Morgentau, wie er zu dampfen begann, wenn die ersten Sonnenstrahlen von den sturmblauen Fassaden der wenigen zusammengerückten Hochhäuser zurückgeworfen und in mannigfaltigen Diagrammen durchs Dickicht schnitten. Mittags durchstreifte ich Felder aus Spitzwegerich, Ackerschachtelhalm und Quecke, wenn die hohen Türme  keine bedrohlichen Schatten warfen. Ma und Pa hatten nur Augen für diese Stadt, wir wohnten jedoch in einem stadtkernnahmen Flachbau mit ehrfurcherbietendem Ausblick  auf den Monolithen, einen aus dunklem Fels gesprengten Koloss von Hochhaus, mit von Witterung geschliffener Fassade. Schwarz wie Obsidian. Früher war das noch ganz anders, wir zogen aus Langesund weg, danach folgten Halle, die Eifel, Gibraltar und schließlich waren wir hier im heißen Süden. Samstage verbrachte ich oft am Ostende der Stadt, wo es würzigsüß roch, wo lange ausgedehnte Straßen von vielen kleinen Pfaden rechtwinklig geschnitten und von Färberwaid umsprenkelt waren. Lange Straßen führten auch an Spielplätzen aus buntem Stahl vorbei; kleine bereits dem frühen Stadium der Korrosion überlassene Kugel-Stäbchen-Gebilde, die der Freue aller Kinder keinen Abbruch taten, vielmehr ihre Fantasie befeuerten, ihnen mit Stock und Stein klangvolle Geräusche zu entlocken, ganz zur Verzückung anderer wangenrosiger Knirpse.

Das Geschäftsviertel beherbergte dutzende einheimische Feinkostgeschäfte und urige Spirituosen- und Tabakfachhändler. Neben einem alten Lichtspieltheater gab es hier genau sechs Restaurants und ebenso viele Cafés, und Buchhandlungen mit seltenen Exemplaren literarischer Schätze. Eines dieser uralten Läden, jenes mit ausgesprochen üppiger Aussicht auf den grünen See, ermöglichte schon mal den Blick-.

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