Lightblader

An der Rückwand stand ein hüfthoher klavierschwarzlackierter Kühlschrank, mit einer durchsichtigen Doppelglastür, die einen Blick auf den Stapel als Energydrinkdosen boten, ihre aluminiumsilberne Deckel zeigten zur Glastür, auf der ein Pferd im Anmut des Steigens gefangen, zur neongrünen Bildmarke depretiiert wurde. An der gleichen Wand über dem Vorrat zucker- und koffeinhaltiger Getränke hingen drei verschiedene Poster bekannter martialischer und heroischer Animefilme wie Shakan Dojo oder Cradle Of Filji, die in bunten Farbexplosionen mit dicken serifenlosen Überschriften und diversen Effekten zum gemeinsamen Schwindel einluden.
Mit einem übergroßen Headset auf dem Kopf von der Umwelt abgeschnitten, hackte Peti wild auf die Tasten.
»Jede Runde werde ich von diesem BlekNibba gekillt – was ist das für ein Name!«
»Ich kenn‘ das: einmal am Tag habe ich so ’nen Endgegner, du kannst machen was du willst, e’fickt dich immer, das’s wie ’ne Illuminatischeiße.«
»Wie low ist das denn bitte, sich selbst zu killen?«
»Blader?«
»Die Aktion war so low Alter.«
»Schon, aber was gibt’s schnelleres, als sich vor’n Zug zu werfen? So Erhängen dauert halt.«
»Ja, wenn du dich selbst killen willst; da fickst du glatt den Zugführer mit.«
»Richtig eklig.«
»Ja und die anderen erst. «
»Ja sorry, Train ist so low.«
»Wenn du vor son Zug springst, da kannst du schön deine Organe einsammeln, du platzt nämlich, wenn dich das Ding trifft, splash! Weiß ich aus erster Hand, mmh.«
»Klar, du bist es wieder Robin.«
»Wenn dus nicht glaubst, ich schick dir ‘n Link.«
» … «
»- er versucht, da irgendwelche Befehle reinzuforcen.«
» … «
»Er ist ständig am reinflamen, wenn er kassiert, scheiß homo.«
»Ich schwöre, ich habe so Paranoia, ich könnt‘n Disconnect bekommen.«
»Willst ‘ne Waffe?«
»Wir holen die Runde, wie sick ist das denn.«
»Der kleine Bastard, die wollen immer prehitten.«
»Er raged unnormal rein.«
»Ja mate true.«
»Alter was fürn Glück du hast!«
»Jungs, Jungs super. Wir ficken die!«
»Ich schiebe.«
»Mitte raus.«
»Ruhe bitte!«
» … «
Gelächter.
»Ich muss einfach da reinficken!«
»Ich kann seine Lache enjoyen.«
»Bleib mal dev!«
» … «
»Ich bin on the gear boys.«
»Du bisch einfach super brutal.«
»Der Robi.«
»GG guys, bin raus.«
»GG, hauste.«
»Haut rein.«
»Jo.«

Wunder

Alles tut weh, wenn es nicht gerade Freude bereitet. Jeder Impuls in dir, der – legen wir kurz fest, dass du über einen außerordentlich facettierten, emotionalen Spiegel verfügst, wenn auch, im Sinne einer Ablation, nicht ganz integer, und Stumpfsinn zur Beschreibung deines Wesens akkurater wäre, als von Reichtum zu sprechen – Atemluft verbraucht, ist ein Ankämpfen gegen Widerstände, um dich herum, in dir. Irgendwann war es soweit und du warst plötzlich auf der Welt und nichts Anderes wolltest du, als wieder in den warmen Mutterbauch zu klettern, aus dem du gewaltsam gestohlen wurdest. Du schriest erbärmlich, doch es gab keinen Kummer, der dir beigepflichtet hätte, kein Slogan des Erbarmens. Alle waren glücklich und hatten, wenn du heute mit dem Finger jene Zufriedenheit in den Menschen deuten würdest, gleichsam postnatale Gesichter. Schweißnasse, errötete Gewinner. Du warst ein Winzling. Du warst sensibel und zerbrechlich wie eine Seifenblase. Du hattest keinen Anteil an dem Glück, dass unmittelbar um dich herum wahrhaftig wurde. Es schien keine Notiz von dir zu nehmen, denn vielleicht hast du einfach viel zu viel geschrien. Sinusförmig, wie ferne Sirenen, am Rande einer Katastrophe, in deren Epizentrum sich das Wunder deiner Geburt befindet. Man brachte dich später weg; vom G-l-ü-c-k. Man lies dich alleine, in einem transparenten sargähnlichen Kasten, in dem du tagein tagaus auf die Revision dessen gewartet hast, was diesseits als das Wunder der Natur bezeichnet wird.

Weißer Körper

Vorbei ziehen Winde, die hier drinnen zu belanglosen Wispern ersticken, die hypotonisch an den Fenstern saugen und sie schütteln, dass sie klirren wie Louis-Seize Vitrinen voll‘ Porzellan und jäh erstarren, als erschreckte man sie in flagranti; vorbei ziehen Wölkchen, die weißen Tupfern gleichen, verirrt und ungeeignet, einem Störenfried gleich, der das begehrenswerte Zirkon interferiert. Ich kann das Grün der Bäume auf der anderen Seite durch die Doppelverglasung schmecken und ihren Duft riechen, und wenn die Sonne in scharfen Strahlen durch sie hindurchbricht – dann schließe ich meine Augen und erblicke ein glänzendes Inferno, und wenn ich sie wieder öffne, in das netzhautverglühende Weiß blicke, dann bin ich rein, weil die Szenerie sich selbst abschafft, um in einem drastischen radialen Zog wieder über mir hereinzubrechen.

Ich sitze – oder hänge – im Sessel auf eine Weise, die man als phlegmatisch bezeichnen würde, meine Sagittalebene trifft den Raum im goldenen Schnitt. Während ich den konturierten Rändern kleiner Kumulus-Wölkchen hinterherstarre, wird meine Haut gebacken. Ich trage graue Altherrensocken aus einem Baumwoll-Gemisch, eine anthrazitfarbene Jeans und ein achtzehn Jahre altes kurzärmliges Hemd, das mir tatsächlich gefällt. Dieses Zimmer ist vom sterilen Weiß und es befindet sich hier Nichts weiter außer mir, dem Sessel und einer unter der Fensterbank liegenden dünnen Matratze, die den Eindruck erweckt, als hätte man begonnen, eine weiße Insel auf den Fußboden zu malen und wäre mittendrin aus dem Fenster getürmt. Der Raum, ein unvollständiger weißer Körper – das hier ist mein Tempel, mein campus Elysion.

Erinnerungen an schwarze Nächte und grüne Stoffe

Heute war so eine Nacht. Ich holte den Stoff vom Schrank herunter. Er war hinter einer langen Zierleiste versteckt, die den Schmutz und Staub vor dem Herabfallen hinderte. Meine Mutter hatte jedoch in der meisten Zeit keinen Grund in meinem Zimmer Detektiv zu spielen, an den Schränken mit den Händen in uneinsehbaren Winkeln und Flächen herumzuwischen und das Risiko einzugehen, Spinnen anzufassen oder mit den Fingern in Spinnennetzen zu landen. Mein Zimmer war akribisch aufgeräumt und pedantisch gepflegt. Die kleine Bibliothek gegenüber meines schlichten Schreibtisches war ausgestattet mit allerlei bildungskanonalen Werken der Antike und Moderne und standen pi mal Daumen zwei Zentimeter hinter der Kante auf Stoß, pseudointellektuellenmäßig nach Genre, dann nach Autor alphabetisch kategorisiert, manche lapidar übereinander gestapelt, um eine lässigen Umgang mit Büchern und regelmäßiges Lesen anzudeuten. Die bloße arachnophobe Vorstellung verursachte ihr ein schüttelfrostartiges Zittern und deshalb konnte ich mich der Sicherheit wähnen, unentdeckt einen zu piefen. Was ich in dem Polymertütchen hatte, war nicht vielversprechend, eher ein Witz. Der Stoff war gestreckt und kaum mehr als ein halber Gramm. Ich hatte dem Dealer nicht widersprochen und mir den Zehner abnehmen lassen, wofür ich auch froh war, denn ich kannte sonst niemanden und ließ mich lieber abziehen, als mit leeren Händen dazustehen, wenn solche Nächte plötzlich da waren. An manchen wie diesen, wenn der Himmel glasklar und kalt war, da hatte ich das Dachfenster geöffnet und mir die Decke umgeworfen. So konnte ich stundenlang an den Fensterrahmen angelehnt dasitzen und die kalte Luft einatmen, während ich die funkelnden Sterne beobachtete und sich mir das atemraubend dumpfe Gefühl anbahnte, die Unendlichkeit und das Universum niemals in seinem Wesen begreifen werden zu können. Das brauchte ich auch nicht, die Welt würde sich schon offenbaren. Wenn ich die Augen schloss und ins Dunkelrot meiner Lieder blickte, da erhaschte ich ein ums andere Mal eine unbegreiflich lebendige Tiefe, ein galaktisches Echo, so als verband mein Blickfeld alle Ecken des Universums und führte es zu einem einzigen Ursprung zurück. Diesmal tauchte die Nacht den Himmel in ein weißfleckiges schillerndes Meer, das sich meinem Blick nicht entziehen konnte. Meine Augen sogen das luzide Flackern der Millionen Sterne über mir auf. Behutsam nahm ich ein leeres Blatt Papier und legte es in meinen Kreis aus Beinen aus, dann legte ich das Tütchen in die Mitte, zog ein Paper aus dem schmalen schwarzen Heft heraus, legte dieses unter das Tütchen; dann nahm ich eine Zigarette, brach diese in zwei Hälften, wovon ich aus einer den Tabak entfernte, ihn mit beiden Händen, aber nur mit Daumen Zeige- und Mittelfinger, auf dem Paper fusselartig anordnete; aus dem Zigarettenpäckchendeckel ein rechteckiges Stück abriss und rollte es zu einem Filter zusammen, den ich ans linke Ende auf dem Paper arrangierte, was dicht am Tabak lag und zusammen eine Linie bildete, auf der anschließend der Stoff, der vorher zwischen den Fingern zerbröselt wurde, achtsam, aber mit zittriger Hand und leicht aufgeregtem Gemüt, verstreut wurde. Bauen gehörte nicht zu meinen Kernkompetenzen, weil mir das Resultat weniger bedeutete, als der Wirkstoffkomplex. Ich konnte mir auch aus einer alten PET-Flasche eine Bong bauen, war aber schlichtweg von dem Sammelsurium an Gerätschaften und Utensilien fasziniert, die sich um ein natürliches Psychoaktivum wie dieses entwickeln konnten.

Diskurse und Gleichberechtigung: Für eine bessere Welt

Das grammatische Geschlecht (Genus) hat bedingt mit dem natürlichen Geschlecht (Sex) und das natürliche Geschlecht bedingt mit der sexuellen Orientierung (Gender) zu tun – wenn überhaupt.

Mit der Verlagerung der Diskurspraktik über Gleichberechtigung vom Alltagsgeschehen zur Sprachkritik werden wir die ungerechten Strukturen in unserer Gesellschaft kaum angemessen bekämpfen können. Wo man sich am grammatischen Genus stört, wird z.B. in der Entsprechung RichterInnen/Richter*innen keine Grenze gezogen, sondern ein weiteres theoretisches Feld betreten. Es bliebe abzuwarten, bis sich Stimmen erheben, die eine Sanierung des gesamten Wortschatzes, respektive der Grammatik in Anbetracht ziehen: Wie ist die Verteilung der Nomen aller drei Geschlechter (das Auto, der Kampf, die Ungerechtigkeit)? Sollten Satzgeschlechter eingeführt werden? Soll vielleicht auf das unterscheidende grammatische Geschlecht verzichtet werden, wie im Englischen? Brauchen wir Konjugationen?

Die theoretischen Überlegungen haben sicherlich etwas mit unserem Alltag zu tun, aber spätestens dort, wo wir es nur noch mit abstrakten Begriffen zu tun haben, stößt man an unüberwindbare Probleme.

Das gesellschaftliche Problem ist soweit weniger die Sprachkritik, als der strukturale Konventionalismus (nicht mit der philosophischen Denkrichtung zu verwechseln) – die den traditionellen, gesellschaftlich anerkannten Verhaltensregeln zugrundeliegende dynamische Struktur – seit Anbeginn frühzeitlicher Kulturen, der sich in Schriftform, Regelform, Handlungsform und Denkform bis zu unserer Zeit hindurchzieht und alle Diskurse beherrscht.

Michel Foucault schreibt: „Diskurs meint (in einer ersten Annäherung) eine Gruppe von Aussagen (wie Texte, Begriffe, Konzepte). Diskurse legen Sprachen und Denkweisen fest, die zu einer bestimmten Zeit zur Verfügung stehen. Diskurse bestimmen, wie man über etwas redet und wie nicht über etwas geredet wird bzw. werden darf/kann. Diskurse sind Filter des Sagbaren und damit auch der Denk- und Handlungsweisen. Methodisch wird dies mittels De- und Rekonstruktion offengelegt. Die Bedeutung der Diskurse ist eng mit dem Machtbegriff verknüpft: Diskursanalysen setzen immer auch Machtanalysen voraus, weil Macht Diskurse strukturiert und Macht sich über Diskurse legitimiert.“

Wir müssen die „Praktiken“ unseres Alltags im privaten, institutionellen und theoretischen Bereich untersuchen, wenn wir gerechter werden wollen.