Weißer Körper

Vorbei ziehen Winde, die hier drinnen zu belanglosen Wispern ersticken, die hypotonisch an den Fenstern saugen und sie schütteln, dass sie klirren wie Louis-Seize Vitrinen voll‘ Porzellan und jäh erstarren, als erschreckte man sie in flagranti; vorbei ziehen Wölkchen, die weißen Tupfern gleichen, verirrt und ungeeignet, einem Störenfried gleich, der das begehrenswerte Zirkon interferiert. Ich kann das Grün der Bäume auf der anderen Seite durch die Doppelverglasung schmecken und ihren Duft riechen, und wenn die Sonne in scharfen Strahlen durch sie hindurchbricht – dann schließe ich meine Augen und erblicke ein glänzendes Inferno, und wenn ich sie wieder öffne, in das netzhautverglühende Weiß blicke, dann bin ich rein, weil die Szenerie sich selbst abschafft, um in einem drastischen radialen Zog wieder über mir hereinzubrechen.

Ich sitze – oder hänge – im Sessel auf eine Weise, die man als phlegmatisch bezeichnen würde, meine Sagittalebene trifft den Raum im goldenen Schnitt. Während ich den konturierten Rändern kleiner Kumulus-Wölkchen hinterherstarre, wird meine Haut gebacken. Ich trage graue Altherrensocken aus einem Baumwoll-Gemisch, eine anthrazitfarbene Jeans und ein achtzehn Jahre altes kurzärmliges Hemd, das mir tatsächlich gefällt. Dieses Zimmer ist vom sterilen Weiß und es befindet sich hier Nichts weiter außer mir, dem Sessel und einer unter der Fensterbank liegenden dünnen Matratze, die den Eindruck erweckt, als hätte man begonnen, eine weiße Insel auf den Fußboden zu malen und wäre mittendrin aus dem Fenster getürmt. Der Raum, ein unvollständiger weißer Körper – das hier ist mein Tempel, mein campus Elysion.